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Mittwoch, 22. November 2017

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Kartoffelchips-Effekt – Kann Essen süchtig machen?

Bayern Innovativ/Matthias Merz

„Hedonische Hyperphagie“ oder genussvolles übermäßiges Essen heißt das Schlagwort. Jeder hat es schon einmal erlebt und eine Packung Chips bis auf den letzten Krümel verputzt. Denn Kartoffelchips können kurzzeitig süchtig machen. Auch wenn man das Verhalten kennt, die Vorgänge auf zellulärer und molekularer Ebene sind dabei bisher noch unverstanden. Komplexe Wechselwirkungen zwischen dem Energie-, Fett-, und Kohlenhydratgehalt der Nahrungsmittel und dem Belohnungszentrum im Gehirn liegen hier zu Grunde. Angesichts der Zunahme ernährungsbedingter Erkrankungen ist es von großer Bedeutung, die Zusammenhänge zwischen Lebensmittelinhaltsstoffen, Stoffwechsel und dem Gehirn besser zu verstehen.

Prof. Monika Pischetsrieder, FAU Erlangen-Nürnberg, stellt neueste Forschungsergebnisse aus dem interdisziplinären Forschungsfeld „Neurotrition“ auf dem Internationalen Kongress „Forum Life Science“ am 11./12. März 2015 an der Technischen Universität München in Garching vor.

In der Vortragsreihe „Food & Nutrition" tauschen Referenten aus Wissenschaft und Wirtschaft nicht nur aktuelle Erkenntnisse über den Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit aus, sondern präsentieren auch Anforderungen an die Ernährung, neue Technologien zur Produktion, Perspektiven und Lösungsansätze für die Versorgung mit Nahrungsmitteln sowie Verfahren zur Analytik, Konservierung und Verpackung von Lebensmitteln.

Ernährung und Gesundheit

Neue Erkenntnisse zeigen, dass das menschliche Mikrobiom nicht nur eine große Rolle bei der Verdauung und dem Schutz vor pathogenen Mikroorganismen spielt. Die Zusammensetzung der Darmflora kann auch Einfluss auf Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose haben, wie Dr. Gurumoorthy Krishnamoorthy, MPI für Neurobiologie, berichten wird. Für die weitere Erforschung der molekularen Mechanismen erhielt er 2014 den ERC Starting Grant für den Aufbau einer eigenen Forschungsgruppe.
Essen dient nicht nur zur Energieversorgung unseres Körpers. Einzelne Inhaltsstoffe der Nahrung können die Regulation der Gene und damit Stoffwechsel und zelluläre Prozesse beeinflussen. So kann sich Ernährung schon während der Schwangerschaft und in der frühkindlichen Entwicklung auf Erkrankungen im späteren Leben auswirken. Über die metabolische Programmierung durch unsere moderne Ernährungsweise referiert Prof. Dr. Berthold Koletzko, Dr. von Haunersches Kinderspital, LMU München.

Die Zunahme von Übergewicht und Adipositas sowie ernährungsbedingter Erkrankungen, aber auch die unzureichende Versorgung mit essentiellen Mikronährstoffen stellen weltweit die Gesundheitssysteme vor große Herausforderungen. Welchen Beitrag kann die Lebensmittel-industrie in diesem Kontext leisten? Dr. Jörg Spieldenner, Nestlé Research Center, Lausanne (CH) diskutiert in seinem Vortrag die aktuellen Probleme und zeigt Lösungsansätze, die soziale, gesundheitliche und ökologische Aspekte umfassen.
Für Menschen, die  an Stoffwechselstörungen, Krebs oder an den Folgen eines Schlaganfalls leiden, ist die Nährstoffversorgung häufig nicht ausreichend. Sie benötigen daher spezielle Produkte. Dr. Ardy van Helvoort, Nutricia Advanced Medical Nutrition, präsentiert aktuelle Forschungserkenntnisse zum Nährstoffbedarf und wie diese in neue medizinische Ernährungsprodukte einfließen.

Nahrungsmittelversorgung und Lebensmittelsicherheit

Die Weltbevölkerung könnte bis 2050 auf fast zehn Milliarden Menschen anwachsen. Schon heute lebt fast die Hälfte der Menschen in Städten. Auch weil die Fläche an fruchtbarem Agrarland weltweit abnimmt, stellt sich die Frage nach der künftigen Versorgung der Menschheit mit ausreichend Nahrungsmitteln. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt dafür im Rahmen des EDEN-Projekts (Evolution and Design of Environmentally-closed Nutrition-Sources) eine „Vertical Farm“. In Hochhäusern sollen mit Hilfe von Hydroponik- und Aquaponik-Technologien z. B. Gemüse angebaut und Fische gezüchtet werden. Daniel Schubert, Leiter des Projekts spricht über das Konzept und die Herausforderungen, um ganzjährig und ertragreich, unabhängig von Sonnenlicht und Wetter Lebensmittel zu produzieren. Damit ließen sich auch Grundlagen für die Nahrungsmittelversorgung in Forschungsstationen z. B. in der Antarktis oder im Weltraum schaffen.
Um der weltweit steigenden Nachfrage nach Fleisch zu begegnen, wird nach alternativen Proteinquellen als Futtermittel in der Tierzucht gesucht. Jens Legarth, European Protein, Dänemark, stellt eine Fermentationstechnologie vor, um für verschiedene Nutztierarten passende eiweißhaltige Futtermittel herzustellen. Mit natürlichen Enzymen und Milchsäurebakterien angereichert, haben sie einen positiven Effekt auf die Gesundheit und erlauben zukünftig möglicherweise auch den Verzicht auf Antibiotika in der Tierzucht.
Dr. Peter Eisner, Fraunhofer Institut IVV, stellt Lupinenproteine als eine alternative Eiweißquelle für Lebensmittel vor. Das neu entwickelte Verfahren ermöglicht die Entfernung der bitteren Störaromen und Aufbereitung der Proteine für die Herstellung von z. B. fettreduzierter Mayonnaise, Wurst, Frischkäse oder Speiseeis. Das Verfahren hat inzwischen Industriereife erlangt und die Wissenschaftler haben dafür Ende 2014 von Bundespräsident Joachim Gauck den Deutschen Zukunftspreis verliehen bekommen.
Die schonende Konservierung von Lebensmitteln ist für Hersteller und Verbraucher gleichermaßen wichtig. Prof. Monique Lacroix, INRS Institut Armand Frappier, Laval, Kanada, präsentiert biokompatible essbare Polymere, die die Haltbarkeit leicht verderblicher Lebensmittel verbessern und wertvolle bioaktive Inhaltsstoffe schützen. Zudem erlauben diese Polymere die Produkte mit bioaktiven Substanzen wie Antioxidantien oder auch Probiotika anzureichern. Die Haltbarkeit von Pilzen, Salat und Gemüse konnte so schon verlängert werden.

Weitere hochkarätige Referenten der Unternehmen BASF, Beneo, Betagro Group, Wacker Chemie  und von wissenschaftlichen Einrichtungen wie dem Fraunhofer-Institut IVV, der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, der Technischen Universität München sowie der Universität Hohenheim berichten über funktionelle Lebensmittelzutaten, neue Analytik- und Konservierungsmethoden, alternative Pflanzenproteinen und Chancen zur Sicherung der Ernährung.

Der Kongress

Neben dem Themenblock „Food & Nutrition“ stellen die Vortragsreihen „Pharma Development“ und „Industrial Biotechnology“ ebenfalls innovative Anwendungsfelder der Life Science-Technologien vor. Behandelt werden Trends und Strategien in der Pharma-Entwicklung, neue Ansätze in der Immunonkologie und der Impfstoffentwicklung, sowie zell- oder DNA/RNA-basierte Therapieoptionen. Die Reihe „Industrial Biotechnology“ umfasst Trends in der Bioökonomie, neue Verfahren zur Entwicklung biobasierter Chemikalien und Biokraftstoffe der 2. Generation, das Thema Biokatalyse und Industrieenzyme sowie Urban Mining und Rohstoffgewinnung mit Hilfe der Biotechnologie.

Mehr als 60 Referenten aus Europa, Thailand, den USA und Kanada konnten für Vorträge gewonnen werden; erwartet werden wie in 2013 erneut rund 1.000 Teilnehmer.

Erneut verleihen die Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie (GBM) e. V. und Roche als Sponsor den German Life Science Award an talentierte Nachwuchsforscher aus den Biowissenschaften.
Eine große Fach- und Posterausstellung ergänzt das Programm.

Dieser im Abstand von zwei Jahren ausgerichtete internationale Kongress bietet direkten Kontakt zu Experten und Anwendern der Biotech-, Chemie-, Pharma-, und Lebensmittelindustrie sowie der Medizin. Er vermittelt Information über neueste Entwicklungen, Trends, Strategien und Märkte und ermöglicht den aktiven Erfahrungsaustausch. Daraus lassen sich gezielt neue interdisziplinäre Kooperationen anbahnen – für die nächste Generation innovativer Produkte in den Life Sciences.

Der Kongress wird von der Bayern Innovativ GmbH, Gesellschaft für Innovation und Wissenstransfer des Freistaates, konzipiert und organisiert und durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Energie, Medien und Technologie gefördert. Mit dem Kongress werden auch die Ziele der Cluster-Offensive mit den bayernweiten Clustern Biotechnologie, Ernährung und Chemie unterstützt.

Das vollständige Programm und weitere Informationen zum Kongress finden Sie unter
www.bayern-innovativ.de/fls2015

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