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Samstag, 16. Dezember 2017

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The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
The Guardian
  1. Israel/Palästina | Ein Rüpel, ein Visionär
    Der Ultranationalist Donald Trump hat die Zwei-Staaten-Lösung zu Grabe getragen. Kommt nun die erste wirkliche Demokratie in Nahost?

    Theodor Trump, der Visionär der Ein-Staaten-Lösung. Gänzlich ohne Herzls Bart oder Basel, den Schauplatz des ersten Zionistenkongresses 1897, könnte Donald Trump zum Begründer der Demokratie in Israel-Palästina werden. So wie seine Obszönität und sein gravierender Sexismus die #MeToo-Bewegung befeuert haben, so könnte seine offene Parteinahme für den Zionismus und die israelische Besatzung eine Gegenreaktion zur Folge haben, die am Ende zur letzten denkbaren Lösung führt. Manchmal braucht es eben einen Rüpel, um drastische Veränderungen herbeizuführen. Trump ist dieser Typ. Wir sollten diesem gefährlichen Mann danken: Er hat nun der Maskerade ein Ende bereitet.

    Denn dieser US-Präsident hat der Welt die Wahrheit gesagt: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind kein ehrlicher Vermittler, sie waren es niemals und werden es nie sein. Sie sind der mächtigste Verbündete der israelischen Besatzung, sie unterstützen diese Besatzung, sie bewaffnen und finanzieren sie. Sie wollen, dass die Besatzung andauert, und haben nie etwas unternommen, um sie zu beenden. Bevor Trump kam, hielten sie die Welt darüber hinaus auch noch mit einem endlosen „Friedensprozess“ zum Besten, der nie zu etwas anderem führte – und auch nie zu etwas anderem führen sollte – als zur Verlängerung der Besatzung. Die USA haben zahllose vermeintlich neutrale Friedenspläne entwickelt, sie aber nie zu implementieren versucht. Sie schickten zahllose vermeintlich neutrale Unterhändler, die meisten davon zionistische Juden. Und dennoch taten sie so, als seien sie nur der unparteiische Makler.

    Trump hat dem ein Ende bereitet. Indem er sich entschloss, Jerusalem vollständig als Hauptstadt Israels – und nur Israels – anzuerkennen, ließ er keinerlei Raum für Zweifel: Die Vereinigten Staaten unterstützen die Besatzung, sie unterstützen Israel – und zwar nur Israel. Natürlich haben die USA und ihr gewählter Präsident das Recht dazu – die meisten Israelis freuen sich ganz sicher darüber –, aber dieses Vorgehen wird weder Frieden noch relative Gerechtigkeit bringen.

    Donald Trump hat also die Zwei-Staaten-Lösung zu Grabe getragen, welche nach langem Siechtum schon seit Ewigkeiten darauf gewartet hatte, endlich beerdigt zu werden. Nun gilt es, einen Nachfolger für dieses Modell zu finden. In seiner furchtbar einseitigen Ankündigung erklärte Trump, es gebe keine zwei Nationen mit gleichen Rechten in diesem Land zweier Nationen. Es gebe eine Nation mit einer Hauptstadt und allen Rechten und eine andere Nation, die weniger wert sei und keine Rechte habe. Diese andere Nation verdiene keinen eigenen Staat, und sie verdiene auch nicht Jerusalem als Hauptstadt. Diese andere Nation müsse nun ihre Situation anerkennen und ihre Ziele an die von Trump verkündete Realität anpassen.

    Der Erste, der ebendies tat, war der langjährige palästinensische Unterhändler Saeb Erekat. Er sagte: Einverstanden, dann eben nur ein Staat. Die Palästinensische Autonomiebehörde werde sich darauf einstellen müssen. Sie könne nicht mehr länger von einer Zwei-Staaten-Lösung reden, sondern müsse damit anfangen, für das Offensichtliche zu kämpfen: gleiche Rechte für alle. Eine Person, eine Stimme. Ein demokratischer Staat für zwei Völker. Das ist nun die einzig verbleibende Option – abgesehen von der Apartheid. Es gibt bereits 700.000 jüdische Siedler, einschließlich derer in Ostjerusalem. Und nun steht Amerika auch offiziell hinter ihnen. Der Besatzer wurde einmal mehr belohnt, während dem Besetzten ein weiterer Schlag versetzt wurde.

    Die Europäische Union wird sich dieser Realität ebenfalls anpassen und verstehen müssen, dass der Winter kommt. Bisher stand die EU als treuer Diener im Schatten der USA, wenn es um die Nahostpolitik ging. Abgesehen von ein paar wenigen unbedeutenden symbolischen Schritten entspricht ihre Politik nicht der öffentlichen Meinung in Westeuropa, die die Besatzung mehrheitlich ablehnt.

    Vielleicht wird Trumps Extremismus die Europäische Union aufrütteln und sie zu couragierteren und – das ist hierbei am wichtigsten – unabhängigeren Positionen bewegen. Vielleicht wird Europa ebenfalls damit aufhören, das Mantra von der Zwei-Staaten-Lösung herunterzubeten, wo nun einige Regierungschefs von Mitgliedsländern erklärt haben, dass sie nicht mehr länger tragfähig sei. Vielleicht wird Europa jetzt in einem neuen Dialog über gleiche Rechte für alle die Führung übernehmen.

    Und wem hätten wir das zu verdanken? Dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Donald Trump. Wenn die einzig wirkliche Demokratie im Nahen Osten schließlich irgendwann in ferner Zukunft Realität geworden sein wird, dann sollte dieser Mann hierher eingeladen werden. Dieser US-amerikanische Ultranationalist, der mit Moral, Gerechtigkeit oder internationalem Recht, Menschenrechten oder Minderheiten oder Palästinenserinnen und Palästinensern eigentlich rein gar nichts am Hut hat, sollte zum Ehrenbürger dieses neuen, gerechten Staates ernannt werden.

    Gideon Levy ist langjähriger Autor und Mitglied des Herausgeberkreises der israelischen Tageszeitung Haaretz

    Übersetzung: Holger Hutt

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  2. Short Story | Sex für die Katz
    Eine Kurzgeschichte über ein vermasseltes Date bringt auch die Dynamik der #MeToo-Debatte auf den Punkt, in der den Erfahrungen von Frauen endlich Gehör geschenkt wird

    Es passiert nicht allen Tage, dass eine Kurzgeschichte viral geht – normalerweise locken Short Stories eher wenige Leute hinter dem Ofen hervor. Als Genre finden sie grundsätzlich extrem schwer einen Verlag und ihre Autorinnen und Autoren werden selten so gefeiert wie Romanciers. In dieser Woche allerdings hat die erste Geschichte von Kristen Roupenian, die im Magazin New Yorker abgedruckt wurde, eine so noch nie dagewesene Begeisterung hervorgerufen, in den Sozialen Medien ebenso wie außerhalb dieser. Warum? In Cat Person, so der Titel, wird kein stilistisches Feuerwerk abgebrannt. Es handelt sich um eine einfach geschriebene Geschichte über die Begegnung zwischen der 20-jährigen College-Studentin Margot und dem 34 Jahre alten Robert. Gewagte Experimente in Form oder Struktur sucht man darin vergebens. Es handelt sich um eine geradeheraus aus der Perspektive einer jungen Frau erzählte Geschichte über ein unangenehmes sexuelles Erlebnis mit einem recht eigenartigen Fremden, der sich als ziemlich unangenehmer Typ entpuppt. Die Resonanz unter jungen Frauen ist gewaltig. Der Zeitpunkt ist allerdings kein Zufall.

    Seit #MeToo regelrecht explodiert ist, werden die Berichte von Frauen über ihre sexuellen Kontakte – die einvernehmlichen wie die nicht einvernehmlichen – endlich gehört und unsere so lange ignorierte Sicht auf das Kräftespiel zwischen den Geschlechtern wird ernst genommen. Man gesteht uns das Recht zu, darüber zu reden, und begegnet uns mit Respekt. Man hört uns zu. Auch wenn es sich bei der Geschichte aus dem New Yorker um Literatur handelt, hat Cat Person seinen Platz in einer schönen neuen Welt gefunden, in der unsere Gedanken und Gefühle über die Männer, denen wir begegnen, über unsere Grenzen und unser Verhalten plötzlich wichtig sind.

    In gewisser Weise kann Cat Person mit einem Satz von Margaret Atwood zusammengefasst werden: „Männer haben Angst, dass Frauen über sie lachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen.“ Die weibliche Hauptfigur der Geschichte geht mit ihrem Date ins Bett, weil sie Angst hat, seine Gefühle zu verletzen. Das will sie nicht allein deshalb vermeiden, weil sie sich nicht sicher sein kann, zu welcher Gewalttätigkeit er imstande wäre (seine Launen waren zuvor bereits äußerst unvorhersehbar und sein Verhalten manipulativ), sondern weil sie konditioniert wurde zu glauben, dass man unbedingt vermeiden sollte, den Stolz eines Mannes zu verletzen, selbst wenn das für sie bedeutet, ihre eigenen Grenzen so weit zu überschreiten, dass ihr später schon übel wird, wenn sie nur an den Sex mit dem Typen denkt. „Das sagt etwas darüber, wie insbesondere viele junge Frauen durch die Welt gehen: niemanden verärgern, Verantwortung für die Gefühle anderer übernehmen, alles dafür zu tun, damit alle um einen herum zufrieden bleiben. Das geschieht quasi reflexartig und dient dem Selbstschutz, ist aber auch sehr anstrengend“, erklärte Roupenian in einem Interview. Es ist derselbe Impuls, der eine Frau erstarren und peinlich berührt lächeln lässt, wenn ein mächtiger Mann vor ihr in einen Blumentopf onaniert, anstatt zur Tür zu rennen. Hier werden Gefühle nachempfunden und zum Ausdruck gebracht, die in der Öffentlichkeit kaum artikuliert werden.

    Unschöne Gedanken über einen schwabbeligen Bauch

    Die Art und Weise, wie Frauen in unangenehmen Situationen, wenn die mit Sex zu tun haben, reagieren, ist überhaupt erst in letzter Zeit in den Blick geraten. Cat Person erlaubt uns einen kurzen Einblick in die Motivationen einer jungen Frau. Keine der Figuren ist besonders ausgearbeitet – was die Leserinnen vielleicht dazu ermutigt, sie als Chiffren für ihre eigenen Erfahren zu betrachten. Margot denkt unschöne Dinge über Roberts schwabbeligen Bauch – und weist ihn schließlich zurück. Während Leserinnen sagen, dass sie sich in der Geschichte auf erschreckende Weise wiederfinden, reagieren manche männlichen Leser weniger empathisch. „Was für eine Bitch“ und ähnliche Kommentare sind in einem Twitter-Account zu lesen, der extra dafür angelegt wurde, um die Reaktionen von Männern zu dokumentieren. Der weibliche Blick und seine Bewertung des männlichen Körpers stellen in der Gegenwartsliteratur weitgehend fremdes Terrain dar. Wir sind es gewohnt, dass das eine Geschlecht zum Objekt gemacht wird, nicht das andere. Da verwundert es nicht, dass diese Geschichte und ihr plötzlicher Erfolg dazu führen, dass manche Männer sich unwohl, ja sogar verletzt fühlen. Ich persönlich fühle mich nicht bemüßigt, die Gedanken von fiktionalen Figuren zu überwachen und suche in der Literatur auch nicht nach moralischem Rat. Andere tun dies und haben ihre Gefühle kundgetan. In den Debatten geht es sehr leidenschaftlich zu. Zweifellos wird die Aufmerksamkeit auch wieder abebben, so wie immer. Doch wie Patricia Lockwoods virales Gedicht Rape Joke von 2013, beschreibt Cat Person kurz und prägnant, wo wir in der Diskussion um das Kräfte- und Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen gerade stehen. Der Text wirft wesentlich mehr Fragen auf als hier behandelt werden können, einschließlich der noch immer irgendwie neuen und häufig verwirrenden Sphäre des Internet-Datings und der Art, wie wir unsere Vorstellungen über Liebe auf Menschen projizieren können, die wir kaum kennen.

    Der Text wirft auch Fragen nach dem Wesen der Literatur auf, und warum weibliche Autoren häufig als reine Chronistinnen menschlicher Erfahrungen betrachtet werden, denen Männer oft die kreative Vorstellungskraft absprechen, fiktionale Welten entstehen zu lassen – viele Leser haben auf die Geschichte reagiert, als handle es sich um einen persönlichen Erfahrungsbericht, nicht um ein Stück Literatur. Egal, ob einem Cat Person gefällt oder nicht – ich persönlich bin nicht besonders begeistert – hoffe ich doch, dass, wer durch den Text Geschmack an Short Stories gefunden hat, sich nicht gleich wieder anderen Dingen zuwendet, sondern sich nun stattdessen auf die Texte von Alice Munro, Lucia Berlin und Lydia Davis stürzt. Die Art und Weise, wie Cat Person rezipiert wird, macht in erster Linie deutlich, wie selten dem Innenleben junger Frauen literarische Aufmerksamkeit zuteilwird. Wie bei dem Hype um den schlechten Sex in der HBO-Serie Girls wundert Frau sich, dass eine so banale und universelle weibliche Erfahrung so lange unkommentiert geblieben ist. Mit anderen Worten: Wenn es so vielen so geht, warum hat bis heute niemand darüber geredet? Und, was noch wichtiger ist: Werden die Männer endlich anfangen, zuzuhören?

    Rhiannon Lucy Cosslett ist Kolumnistin für den Guardian

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  3. Porträt | „Die letzten fünf Jahre waren ein Desaster“
    Mary J. Blige hat ihre Liebe verloren und singt häufig über Schmerz. Nun beeindruckt sie als Schauspielerin – in einem neuen Netflix-Film über Rassismus

    Bei einem Auftritt auf der Pyramiden-Bühne in Glastonbury glänzte Mary J. Blige 2015 mit einer leidenschaftlichen Performance. Die Menge betrachtete sie gebannt durch den starken Regen, und als ihr bekanntester Single-Hit No More Drama zum Ende kam, sank sie zu Boden und wirkte, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. „Ich wusste nicht, dass so viele Leute meine Lieder kennen“, sagte sie zwei Jahre später bei einem Abendessen in einem Londoner Hotel. „Es hat mich emotional sehr berührt, aus so vielen Gründen, die ich gar nicht alle erklären kann. Aber das Leben bringt sie gerade zum Vorschein.“

    Bliges Leben ist turbulent. Gerade mit dem Flugzeug aus den USA eingetroffen, braucht sie dringend etwas Frittiertes zum Essen. So sitzt die Königin des Hip-Hop-Soul schließlich da, pickt in Fisch und Pommes herum und trinkt eine Tasse Tee. Sie wirkt müde. Das Thema ihrer gescheiterten Ehe mit Kendu Isaacs lässt sie nicht los. Nach zwölf Jahren hatte sie 2016 die Scheidung eingereicht – wegen unüberbrückbarer Differenzen. Er war auch ihr Manager. Auch wenn sie selbst immer wieder darauf zurückkommt, will Blige nicht, dass dieses Interview nur „diese eine Sache zum Thema hat“. Die vergangenen fünf Jahre waren hart, aber am Horizont zeichnet sich Licht ab. „Dieses Kapitel meines Lebens ist vorbei“, betont sie.

    Die vorherigen Kapitel waren, vorsichtig formuliert, ebenfalls ereignisreich. Blige wuchs in armen Verhältnissen in der Stadt Yonkers vor den Toren New Yorks auf. Bereits als Teenager kam sie in den 1980ern bei Uptown Records unter Vertrag. Das Label war durch die Aufnahme eines Anita-Baker-Songs, den Blige in einem Einkaufszentrum gesungen hatte, auf sie aufmerksam geworden. Zunächst war sie Backgroundsängerin, aber das änderte sich mit ihrem 1992 veröffentlichten Debüt-Album What’s the 411?, produziert von Puff Daddy.

    Das Album gewann mehrere Awards und erreichte mit mehr als drei Millionen verkauften Kopien dreifach Platin. Mary J. Blige arbeitete mit George Michael, U2 und Elton John zusammen, der sie „eine der besten Stimmen, die Sie je hören werden“ nannte. Ihre Musik war oft rau und zeugte vom Leid, das sie in ungesunden Beziehungen erlebte, Alkohol- und Drogenprobleme kamen dazu. Als sie 2001 ihren Hit No More Drama herausbrachte, war es, als wollte sie endlich einen Strich unter all diesen Schmerz ziehen.

    Aber Blige ist nicht in London, um ein neues Album zu promoten, auch wenn sie im April mit Strength of a Woman eine ihrer besten Aufnahmen seit Jahren veröffentlicht hat. Kurz vor dem Ende ihrer Ehe zog sie nach Los Angeles, um sich ernsthafter mit der Schauspielerei zu beschäftigen. Schon vorher unternahm sie Ausflüge in das Metier, spielte kleine Parts und Gastrollen hier und da, meist in Komödien. Aber heute sitzt sie hier, um über ihre Rolle im neuen Netflix-Film zu sprechen. Mudbound erzählt eine bewegende Geschichte von Rassismus und Freundschaft auf einer Farm in Mississippi nach dem Zweiten Weltkrieg. Blige spielt Florence Jackson, die stoische Mutter eines schwarzen GI, der nach dem Krieg in eine unverändert rassistisch geprägte Gesellschaftsordnung zurückkehrt. Es ist keine subtile Geschichte, aber tief erschütternd und emotional ergreifend.

    Als Florence bewältigt Blige Härte, Schmerz und Ungerechtigkeit mit überraschender und sanfter Subtilität. „Ich glaube, dass der Film so viele beeindruckt, weil er sehr nah an der Welt ist, in der wir heute leben“, sagt Blige. Sie wolle nicht zu politisch werden, erklärt sie, glaubt aber, dass der Film nicht ohne Grund gerade jetzt Widerhall findet. Sie formuliert ihre Wut über die Politik in ihrer Heimat: „Gucken Sie sich unsere politische Führung an. Es ist außer Kontrolle. Es ist ein Albtraum. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Wie konnten wir von einem Präsidenten wie Obama mit seiner Reife, seinem Optimismus und seiner Weisheit so weit herabsinken: diese Negativität, SMS-Schickerei, Twittern und dieser ganze Mist, dieses Staubaufwirbeln und Mit-dem-Finger-Zeigen? Es ist verrückt.“

    Ein Südstaatendrama im rechten Amerika

    In ihrem Drama Mudbound folgt Regisseurin Dee Rees zwei Familien — eine weiß und eine schwarz — im Mississippi-Delta während des Zweiten Weltkriegs und der Zeit danach. R&B-Sängerin Mary J. Blige spielt Florence Jackson, eine Mutter, deren Sohn als Veteran aus Europa heimkehrt und in seiner Heimat mit Rassismus konfrontiert wird. Niemand anders als Mary J. Blige sei für die Rolle in Frage gekommen, so die Regisseurin. Sie hat Hillary Jordans Geschichte über Rassismus und Armut in den 1940ern adaptiert. Mary J. Blige ließ sich für ihre Rolle von ihrer Großmutter und ihrer Tante inspirieren, beide lebten im Süden. Sie habe auch die Schwermut über das Ende ihrer Ehe in die Rolle gepackt. Der Film, der vergangenen Januar seine Premiere beim Sundance-Festival feierte, hat laut New York Times das Zeug, die erste Netflix-Produktion zu werden, die um den Oscar konkurriert.

    Regisseurin Dee Rees könnte laut Zeitung „die erste afrikanisch-amerikanische Frau werden, die für den Regie-Oscar nominiert wird“. Bislang waren in der 89-jährigen Oscar-Geschichte vier Frauen für die Statue nominiert, Kathryn Bigelow war die einzige, die sie (2010) gewann. Mudbound trifft einen Nerv, in Zeiten, in denen der Ku-Klux-Klan und weiße Nationalisten in den USA auf Straßen demonstrieren, geduldet von Trump.
    Außerdem steht dieserFilm, der gleichzeitig auf Netflix und in manchen Kinos anläuft, für eine sich verändernde Branche: Streamingdienste wie Amazon und Netflix gewinnen Land. Und in der Oscar-Akademie gibt es seit Protesten gegen eine zu hohe Anzahl weißer Mitglieder (#OscarsSoWhite) mehr jüngere Repräsentanten verschiedener Herkunft. Maxi Leinkauf

    Mudbound war Bliges erste richtige Chance, eine gehaltvolle Rolle zu spielen, und sie behauptet sich sehr gut neben einer bewährten Besetzung. Regisseurin Dee Rees wollte genau sie für die Rolle, erzählt Blige, und sie habe sofort akzeptiert, weil sie das Skript zu Tränen gerührt hat. Sie engagierte einen Schauspieler-Coach, der sie lehrte, eigene Erlebnisse für die Figur zu nutzen: „Da hat mein Leben ja einiges zu bieten“, lächelt Blige. Und dann habe sie sich daran gemacht, ihre Popstar-Haut abzustreifen: „Ich konnte nicht mehr Mary J. Blige sein. Ich musste Florence sein, in der Hitze, inmitten der Moskitos, im Matsch, in der kleinen ärmlichen Hütte mit all den Kindern und dem Mann. Mary J. Blige hat ja keinen Mann – nicht mehr.“

    Kritiker? Zum Teufel damit!

    War es angenehm, mal eine Weile nicht Mary J. Blige zu sein? „Absolut. Es war befreiend. Ich habe immer Flechtfrisuren, Haarteile und Perücken getragen und meine nicht ganz perfekten Seiten abgedeckt. Florence hat mich dazu gebracht, mich mit all meinen Kanten zu zeigen. Ich bin ohne Dauerwelle rumgelaufen, kein Glätten, nur meine eigenen, natürlichen Haare, kaum Make-up. Das hat mir gutgetan.“ Mit den großen diamantbesetzten Ohrringen und einem schwarzen Seidentop, das wellige blonde Haar hochgesteckt, wirkt Blige erwartungsgemäß glamourös, wie sie da vor mir sitzt, trotz Fish ’n’ Chips auf dem Teller. Ihr hat der Film bewusst gemacht, wie sehr sie normalerweise auf ein gestyltes Äußeres achtet: „Ich habe mich total darüber aufgeregt, keine langen Wimpern zu haben! Und dann dachte ich plötzlich: ,Oh mein Gott, Mary, du bist ja so eitel.‘“

    Dort, wo Blige aufgewachsen ist, im sozialen Wohnungsbau von Yonkers, war Aussehen wichtig. „Alles drehte sich immer darum, wie man aussah. Auch wenn man nichts hatte, ging es darum, wie man aussah. Als Salt ’n’ Pepa mit blonden Haaren auftraten, ging es darum. Wichtig waren die Turnschuhe, die man trug, die Jacken. Dann wurde ich zu Mary J. Blige, und da ging es erst recht darum. Sie ist eine so reale Person, dass ich sie loswerden musste, um den Charakter wirklich zum Leben zu erwecken.“ Ich bin kurz verwirrt. Wer ist eine reale Person? „Mary ist eine reale Person“, stellt sie klar. „Ich musste sie wirklich aufgeben, damit Florence leben konnte. Es sieht so aus, als ob Florence cooler ist als Mary J. Blige.“ Blige spricht häufig so von „Mary J. Blige“, als sei sie etwas Eigenständiges, abgetrennt von der Frau, die mir am Tisch gegenübersitzt. Die Veröffentlichung von What’s the 411? ist 25 Jahre her, aber die Diskrepanz zwischen Mary, der Künstlerin, dem Star, und Mary, dem Mensch, ist so stark, dass sie manchmal die Orientierung zu verlieren scheint, auch heute noch. Sie sucht nach den richtigen Worten, um zu beschreiben, wie es sich anfühlt, aus der Armut kommend zu solcher Berühmtheit zu gelangen: „Wenn man sehr viel Geld hat, kann man damit alles verdecken. Wenn man wenig Geld hat, ist nichts zu machen. Dadurch lernt man, Peinlichkeit und Scham zu ertragen. Das weiß ich zu schätzen und bin dankbar dafür.“ Es ist Teil ihrer Überlebensstrategie: „Man weiß, wie man es übersteht, kein Geld zu haben. Dann übersteht man es auch, wenn irgendein peinlicher Mist in den Boulevard-Medien einen trifft. Man entwickelt ein dickes Fell.“ Ich frage mich, wie dick ihr Fell wirklich ist. In ihrem Leben hat es viele Dramen gegeben, trotz des Postulats, kein weiteres zuzulassen.

    Als sie im vergangenen Jahr die damalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton interviewte, musste sie sich viel Spott dafür gefallen lassen, dass sie ihr etwas vorsang. „Ich dachte, ich trage dazu bei, etwas zu verändern“, seufzt sie. „Hallo, das bin ich, Mary J. Blige, keine Journalistin. Ich bin sehr beunruhigt.“ Während des Gesprächs mit Clinton hatte sie ein kurzes Cover von Bruce Springsteens American Skin (41 Shots) gesungen, einem Lied über Polizeibrutalität gegen einen Schwarzen. „Es trifft mich, dass die Leute nichts wohlwollend betrachten können. Immer müssen sie auf einen einhacken. Egal wie positiv etwas ist, sie müssen einen Weg finden, um einen Kommentar auf Twitter oder so abzusetzen. Es ist – irgendwie cool. Aber wissen Sie was? Auch gut. Zum Teufel mit ihnen. Oder nicht?“ Sie lacht trocken auf.

    Unaufgefordert kommt sie wieder auf ihre Scheidung zurück. Das ganze vergangene Jahr hat sich das Ex-Paar einen hässlichen Gerichtsstreit geliefert. Als in ihrem Berufsleben Dinge schiefgingen, begannen ihre persönlichen Alarmglocken zu klingeln, meint Blige. „Erst kam die Sache mit der Burger-King-Werbung (die schnell wegen rassistischer Stereotypisierung zurückgezogen wurde), dann waren meine Steuern und Geschäfte auf allen Sendern und so ging das weiter. Ich verstand gar nichts mehr: ,Was zum Teufel ist hier los? Haben mich alle verlassen? Ja.‘ Das waren deutliche Zeichen. Aber eigentlich bin ich in meiner Ehe verlassen worden.“

    Ihre Stimme bricht ab

    Gleichzeitig hatte es etwas Positives. „Es machte mir klar, wie wichtig ich für die Welt war. So ein großer Star bin ich? Dann sollte ich wohl besser meine Angelegenheiten geregelt kriegen.“ Wieder lacht sie auf. „Was ich richtig gemacht habe, hat mich nicht weitergebracht im Leben, sondern die ganzen Fehler. Es war ein solches Desaster, dass ich nicht wusste, ob ich es überleben würde.“ Meint sie das letzte Jahr? „Die letzten fünf Jahre waren ein Desaster. Ich hoffte noch, meine Ehe zu retten, als sie längst vorbei war. Und dann blieb ich allein zurück.“ Sie habe sich so verloren gefühlt, dass sie sogar daran zweifelte, ob sie je wieder Musik machen wollte: „Ich war mir über gar nichts mehr sicher. Wenn jemand immer weiter an deinem Selbstbewusstsein nagt, bis es so klein ist, dass man nicht einmal mehr weiß, was man kann ...“ Ihre Stimme bricht ab.

    Um Abstand zu gewinnen, zog die Sängerin für eine Weile nach London und veröffentlichte 2014 ihr Album The London Sessions, für das sie unter anderem mit Sam Smith und Disclosure zusammenarbeitete. „Sie haben mir geholfen, mein Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. Sie glaubten an mich und mein Talent, und ich dachte: ,Hey, vielleicht solltest du auch wieder anfangen, an dich zu glauben.‘ Moment mal. Spricht da Mary J. Blige? Wieso braucht sie Disclosure, um ihr zu sagen, wie gut sie ist? „Wenn man so lange in einer Sache steckt, die Stückchen um Stückchen am Selbstbewusstsein nagt, bis man praktisch nicht mehr da ist – das ist eine verrückte Erfahrung. Es ging darum, dass mich wieder jemand wertschätzt.“

    Dieses Jahr veröffentlichte sie den schmerzhaft ehrlichen Song Strength of a Woman: „Ja, wenn es um Musik geht, weiß ich, dass ich ein großartiges Bauchgefühl habe. Das hatte ich verloren, mein Bauchgefühl und mein Talent. Aber ich habe es jetzt wieder.“ Zudem sind nach Mudbound weitere Rollen in Aussicht. Zum ersten Mal in ihrem Leben kümmert sie sich auch selbst um ihre Finanzen, kontrolliert alle Ein- und Ausgaben genau, weil sie das Gefühl hat, niemandem wirklich trauen zu können. Immer wieder habe sie Menschen kennengelernt und für anständig gehalten, aber „stattdessen bestehlen sie dich genau wie alle anderen“.

    Rebecca Nicholson ist Autorin beim Guardian

    Übersetzung: Carola Torti

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  4. US-Außenpolitik | Jenseits der Diplomatie
    Trumps Schwiegersohn und Berater Jared Kushner scheint der Auffassung zu sein, er könne den gesamten Nahen Osten neu gestalten – mit möglicherweise verheerenden Folgen

    Der gesamte Nahe Osten, von Palästina bis in den Jemen, scheint nach dieser Woche kurz davor, in Flammen aufzugehen. Die Region stand ohnehin schon auf der Kippe, doch die jüngsten Ereignisse haben die Situation noch weiter verschlechtert. Und während das Chaos jedem zufälligen Beobachter klar vor Augen treten sollte, ist die Rolle, die Jared Kusher in diesem Chaos spielt, nicht ohne weiteres für jeden ersichtlich.

    Kushner ist, natürlich, der Chefberater und Schwiegersohn des US-Präsidenten. Der 36-Jährige hat in Harvard studiert und scheint Probleme damit zu haben, Formulare wahrheitsgetreu auszufüllen. So hat er es wiederholt versäumt, bei Sicherheitsüberprüfungen seine Treffen mit ausländischen Vertretern zu erwähnen. Er informierte die US-Regierung auch nicht darüber, dass er der Co-Vorsitzende einer Stiftung war, die Geld für israelische Siedlungen sammelt, die nach internationalem Recht illegal sind. (Ihm wird weiterhin nachgesagt, er habe Michael Flynn im vergangenen Dezember angewiesen, dieser solle die Mitglieder des UN-Sicherheitsrates einberufen, um eine Resolution zu vereiteln, die den israelischen Siedlungsbau verurteilt. Flynn rief in Russland an.)

    In seiner Rolle als Sonderberater des Präsidenten scheint Kushner zu der Ansicht gelangt zu sein, er könne den gesamten Nahen Osten neugestalten. Zusammen mit seinem neuen besten Freund, Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, stürzt er die Region weiter ins Chaos. Der 32-jährige Kronprinz machte erst vor kurzem von sich reden, indem er etliche Mitglieder der herrschenden Elite seines Landes wegen Korruptionsvorwürfen verhaften ließ – einschließlich seiner eigenen Familie.

    „Großes Vertrauen“

    Tage vor Salmans beispiellosem Schritt reiste Kushner unangekündigt nach Riad, um sich mit dem Prinzen zu treffen. Berichten zufolge dauerten die Gespräche bis spät in die Nacht. Die beiden stimmten ihre Strategie ab und tauschten Geschichten aus. Man weiß nicht genau, was die beiden ausgeheckt haben, aber Donald Trump tweetete später, er habe „großes Vertrauen“ in Salman.

    Doch die Allianz zwischen den beiden reicht weit über Riad hinaus. Gemeinsam drängen Saudis und US-Amerikaner verschiedene palästinensische und arabische Führungsfiguren zu einem neuen „Friedensvertrag“, der so einseitig die Wünsche und Interessen Israels berücksichtigt wie noch kein anderer zuvor.

    Ahmad Tibi, ein palästinensischer Abgeordneter in der israelischen Knesset, hat die grundlegenden Konturen des Deals gegenüber der New York Times wie folgt erläutert: keine vollständige Staatlichkeit für die Palästinenser, nur eine „moralische Souveränität“ und die Kontrolle über die nicht verbundenen Segmente der besetzten Gebiete. Keine Hauptstadt Ost-Jerusalem, kein Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge.

    Das ist natürlich in Wirklichkeit kein Deal, sondern eine Beleidigung des palästinensischen Volkes. Ein weiterer arabischer Offizieller, der in dem Bericht der Times zitiert wird, äußert die Ansicht, der Vorschlag stamme von jemandem, der keine Erfahrung habe, aber versuche, der Familie des US-Präsidenten zu gefallen. Mit anderen Worten sieht alles danach aus, als würde Mohammed bin Salman, Jared Kushner Palästina als eine Art Geschenk überreichen wollen – wehe den Palästinensern! Als nächstes kam Donald Trump und schlug sowohl jede Vorsicht als auch das internationale Recht in den Wind, indem er Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte.

    Am Rande einer humanitären Katastrophe

    Aber es geht nicht allein um Israel. Der Jemen steht am Rande einer humanitären Katastrophe, die weitgehend auf die saudische Blockade des Landes zurückzuführen ist. Trump hat sich in der vergangenen Woche schließlich gegen die saudische Maßnahme ausgesprochen. Aber es heißt, sowohl das State Department als auch das Pentagon hätten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate im Stillen schon seit einiger Zeit dazu gedrängt, ihren Krieg gegen den Jemen (als auch gegen den Libanon und Katar) für eine Weile herunterzufahren – und damit wenig Erfolg gehabt. Warum? Weil die Vertreter Saudi-Arabiens und der Emirate glauben, das Weiße Haus würde ihr hartes Vorgehen „stillschweigend billigen, insbesondere Donald Trump und dessen Schwiegersohn und Chefberater, Jared Kushner“, so die Journalistin Laura Rozen in einem Bericht.

    Das Bündnis zwischen Kushner und Salman scheint insbesondere Außenminister Rex Tillerson zu ärgern. Kushner hält das Außenministerium angeblich vollständig aus seine Plänen für den Nahen Osten heraus. Besonders bedenklich hält Tillerson Bloomberg News zufolge die Gespräche Kushners mit Salman über ein mögliches militärisches Vorgehen Saudi-Arabiens gegen Katar. Das State Department macht sich Sorgen wegen all der unvorhersehbaren Folgen, die dies haben könnte – einschließlich einer Verschärfung des Konflikts mit der Türkei und Russland und vielleicht sogar einer militärischen Reaktion durch den Iran oder ein Angriff der Hisbollah auf Israel.

    An dieser Stelle sollte die Diplomatie des State Department einsetzen. Der US-Botschafter in Katar könnte zwischen den beiden sich bekriegenden Parteien vermitteln und versuchen, eine Lösung des Patts zu finden. Was also hat der US-amerikanische Botschafter in Katar zu der Allianz zwischen Kushner und Salman zu sagen? Nichts, da es noch immer keinen offiziellen Botschafter in Katar gibt. Und was ist mit dem US-Botschafter in Saudi-Arabien? Dieser Posten ist ebenfalls vakant. Die US-Botschafter in Jordanien, Marokko, Ägypten? Vakant, vakant, vakant. Was ist dann mit dem Assistant Secretary for Near Eastern Affairs, ein wichtiger strategischer Posten zur Durchsetzung der US-Politik in der Region? Auch für diesen Posten ist niemand nominiert worden. Und der Deputy Assistant Secretary for Press and Public Diplomacy? Unbesetzt.

    Es ist zum Teil dieses Führungsvakuum im Hause Tillerson, das es Kushner ermöglicht hat, seine mächtige Allianz mit Salman zu schmieden – sehr zum Nachteil der Region. In ihrem Bestreben, den Iran zu isolieren, verursachen Kushner und Salman einen Sog der Zerstörung. Der Krieg im Jemen wird immer intensiver geführt. Katar steht enger an der Seite Irans als jemals zuvor. Ein Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern scheint kaum mehr möglich. Der libanesische Premierminister ist von seinem Rücktritt zurückgetreten und der saudische Staat muss dem Ritz-Carlton ein kleines Vermögen bezahlen, damit es wichtige Mitglieder der Herrscherfamilie wegen Korruptionsvorwürfen festhält.

    Es gibt eine lange Tradition amerikanischer Politiker, die glaubten, sie wüssten, was das Beste für den Nahen Osten sei, während sie ihre autokratischen Verbündeten in der Region auf Kosten der einfachen Leute unterstützen. Doch das Kushner-Salman-Bündnis steht auch noch für etwas anderes. Sowohl in den USA als auch in Saudi-Arabien verteilt sich die Macht auf immer weniger Hände. Und wenn immer weniger Leute im Raum sind, ist irgendwann keiner mehr da, um diesen Männern zu sagen, welchen Schaden sie mit ihren Ideen anrichten. Wer wird sich trauen, ihnen zu erklären, dass sie bereits gescheitert sind?

    Moustafa Bayoumi ist Autor des Buchs How Does It Feel To Be a Problem? Being Young and Arab in America

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  5. Simbabwe | Opfer seiner selbst
    Robert Mugabe war anfangs ein Hoffnungsträger und hinterlässt nun als tragikomische Figur einen gescheiterten Staat

    Das Land trieb seit Tagen einer Entscheidung entgegen. Zum wiederholten Mal verhandelte Generalstabschef Constantino Chiwenga am Wochenende mit Robert Mugabe, um ihm zu bedeuten, die Demission des 93-Jährigen sei nur noch eine Formalität. Die Zeit seines Regimes sei nach 37 Jahren unwiderruflich vorbei. Dabei hatte die sture Verstiegenheit, mit der Mugabe bis zuletzt die Macht verteidigte, etwas Tragikomisches und vermochte das Bewusstsein zu schärfen, dass da einer aus der inzwischen dünn gesäten Generation afrikanischer Unabhängigkeitskämpfer der ersten Stunde abtrat, von denen nicht wenige so wie er an sich selbst gescheitert sind.

    Mugabe, der 1980 die Macht in Simbabwe übernahm, war stets eine Mann der vielen Gesichter – ein idealistischer junger Marxist und als solcher Gefangener des weißen, rassistischen Regimes von Ian Smith, der sich 1965 einseitig von Großbritannien losgesagt hatte. Mugabe war vielgepriesene Ikone eines panafrikanischen Nationalismus, Reformer wider Willen, schließlich gnadenloser und gnadenlos alternder Diktator, tief verstrickt in Korruption und Filz. Doch neigen viele seiner westlichen Kritiker, die ihn für Misswirtschaft und Repressionen verantwortlich machen, zu einer eindimensionalen Sicht. Sie geißeln ihn als Inkarnation des Versagens, gar als Präsidenten, der einen Failed State hinterlässt – die Wahrheit ist nicht ganz so schwarz und weiß.

    Mugabes Aufstieg nach Simbabwes durch die schwarze Mehrheit getragener Unabhängigkeit von Großbritannien ab 1980 stand nicht von vornherein fest. Joshua Nkomo, Führer der Zimbabwe African People’s Union (ZAPU), rang mit Mugabes Zimbabwe African National Union (ZANU) um die Macht. Beide machten ihr Prestige aus dem Unabhängigkeitskampf geltend, inklusive langjähriger Haft unter dem Kolonialregime, und waren sehr verschiedene Charaktere.

    Nkomo präsentierte den afrikanischen Anführertyp des „großen Mannes“ – ausladend, unbeständig und charismatisch. Der schnittige, schlanke Mugabe war der Intellektuelle – clever, elegant, kalkulierend und eitel. Während des „Rhodesischen Buschkriegs“ gegen Ian Smiths illegale Regierung in den frühen 1970er Jahren wurde Mugabe von China unterstützt, Nkomo von der Sowjetunion. Eine noch grundlegendere Spaltung ergab sich durch den ethnischen Bezug: Nkomo gehörte zur Gruppe der Ndebele aus Matabeleland, historisch gesehen Feinde von Mugabes Shona-Mehrheit. Hätte sich Nkomo durchgesetzt, wäre Simbabwes jüngste Geschichte womöglich völlig anders verlaufen. Aber schon bei den Lancaster-House-Gesprächen in London wurden 1979 Weichen gestellt. Der damalige britische Außenminister Lord Carrington legte Mugabe nahe, die Rolle eines prowestlichen, demokratischen Führers einzunehmen und sich so vom populistischen Nkomo abzusetzen. Eine Zeit lang richtete sich Mugabe danach. Als er daraufhin nach dem ZANU-Wahlsieg Anfang 1980 Simbabwes erster Premierminister wurde, gab es zunächst mit finanzieller Assistenz Großbritanniens und der USA ein konventionelles Programm sozialökonomischer Reformen. Der ausmanövrierte Nkomo wurde in Mugabes erster Regierung zwar Minister, doch war der ultimative Crash zwischen beiden programmiert.

    Die Kobra im Haus

    1982 kam es – wie zu erwarten – zum offenen Konflikt: Nkomo setzte sich ab, nachdem Mugabe ihn als „Kobra im Haus“ angeprangert und ihm vorgeworfen hatte, einen Coup zu planen. Bei einem brachialen Feldzug der Rache in Matabeleland zeigte Mugabe erstmals, wie unerbittlich er sein konnte. Bis zu 20.000 Menschen – zumeist Ndebele – fielen Pogromen seiner berüchtigten, in Nordkorea ausgebildeten Fünften Brigade zum Opfer.

    Ab 1987 dann vereinte Mugabe als Exekutivpräsident die Mandate des Staatsoberhaupts, Regierungschefs und Armeeführers in seiner Person. Ende des gleichen Jahres kam es zum Burgfrieden mit Nkomo, der zurückkehren, der Fusion von ZANU und ZAPU zur ZANU-PF seinen Segen geben und später Vizepräsident sein durfte. Simbabwe driftete in Richtung Einparteienstaat. Mit neuer Macht ausgestattet, aber immer noch frustriert vom langsamen Wandel, kehrte Mugabe zu seinen früheren neo-marxistischen Ansichten zurück und wurde in seinem Führungsstil deutlich autoritärer.

    Als viele weiße Simbabwer Mitte der 1980er Jahre das Land verließen, wirkte sich das ungünstig auf die Agrarproduktion aus, Simbabwes ökonomische Lebensversicherung. Dabei blieben die leistungsstarken Betriebe in den Händen weißer Eigentümer. Zugleich erschütterte anschwellender Widerstand gegen die Apartheid im benachbarten Südafrika auch Simbabwe, das Verfolgte und Flüchtlinge aufnahm. Als 1991 die Sowjetunion zerfiel, verlor Mugabe international den letzten Rückhalt, so dass er sich dazu durchrang, die Wirtschaft nach den Leitlinien des freien Marktes zu führen, aber an seinen sozialistischen Maximen festzuhalten. 1991 akzeptierte er eine Intervention des Internationalen Währungsfonds (IWF) und fügte sich einem „Strukturanpassungsprogramm“. Parallel dazu löste eine Landreform, die auf eine Enteignung weißer Farmen gegen Entschädigung zielte, einen Sturm der Entrüstung in den USA und Großbritannien aus, die nun einen Grund hatten, ihren finanziellen Beistand heftig zu kürzen.

    Isoliert und geächtet gab Mugabe im Jahr 2000 jeden Willen zum Konsens auf, er billigte gewaltsame Landenteignungen und erklärte, dies diene der sozialen Gerechtigkeit. Der Effekt freilich war ein anderer – auf den Exodus der Weißen folgten schrumpfende Agrarerträge und verknappte Lebensmittel.

    Je dirigistischer die Wirtschaftspolitik ausfiel, desto resoluter wurde in Simbabwe die Intoleranz gegenüber jedem politischen Dissens. Was die oppositionelle Bewegung für den Demokratischen Wandel (MDC) unter Morgan Tsvangirai bei mehreren Wahlen zu spüren bekam – durch Betrug, Einschüchterung, Medienzensur und das Wegsperren ihrer Kandidaten. Nachdem Tsvangirai 2008 die erste Runde der Präsidentenwahl gewinnen konnte, zwangen ihn Drohungen, die Kandidatur aufzugeben. Mugabe hatte zuvor eine angloamerikanische Konspiration für seine Niederlage verantwortlich gemacht – weder die chronische Armut noch eine grassierende Hyperinflation noch ein kollabierendes Bildungs- und Gesundheitssystem. Die folgende Regierungszeit prägte eine hohe Erwerbslosigkeit, die viel mit dem Niedergang der einstigen Kornkammer im südlichen Afrika zu tun hatte. Dieser Ressource wieder Leben einzuhauchen, blieb durch internationalen Kreditboykott verwehrt.

    Endgültig diskreditiert hat sich die ZANU-PF-Elite wegen etlicher Bestechungsskandale und des extravaganten Lebensstils der kaum populären Grace Mugabe, der zweiten Frau des Präsidenten. Da der Druck im Kessel stets weiter stieg, grenzte es an ein Wunder, dass sich Robert Mugabe so lange an der Staatsspitze halten konnte. Augenscheinlich verhinderten sein Charisma und die Verdienste um die Souveränität des Landes einen jähen Sturz.

    Als Mugabe 1980 die Unabhängigkeit aushandelte und besiegelte, war er der richtige Mann, der am richtigen Ort richtige Worte fand. Aber wie andere namhafte Freiheitskämpfer und afrikanische Nationalisten seiner Generation – Nelson Mandela ausgenommen – hat er nie auf die Kunst eines ausgewogenen, demokratischen Regierungsstils Wert gelegt.

    Warum? Vermutlich weil ihn ein Machtwille korrumpiert hat, bei dem es zuletzt nur noch darauf ankam, sich gegen andere zu behaupten Wie sein fast schmählicher Abgang zeigt, war er nie so mächtig, wie er und seine Gegner glaubten.

    Simon Tisdall ist einer der Kolumnisten des Guardian

    Übersetzung: Carola Torti

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