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Donnerstag, 29. Juni 2017

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The Guardian

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The Guardian
  1. Großbritannien | Demoralisiert und verbittert
    Der 20-jährige Khalid Ahmed wohnte im ausgebrannten Grenfell Tower. Nach dem Inferno versucht er, den gerissenen Faden des Lebens wieder aufzunehmen
    Demoralisiert und verbittert

    „Ich glaube nicht, dass die Leute das Hochhaus mochten oder es ihnen gefiel, dass sogenannte arme Leute in solch einem hübschen Viertel lebten.“
    Foto: Niklas Halle'n/AFP/Getty Images

    In den Straßen rund um den Grenfell Tower sind die Opfer der Brandkatastrophe an den bunten Armbändern zu erkennen. Diese verschaffen ihnen Zugang zu Unterstützungsleistungen in einem Hilfszentrum, das in einem Fitnessstudio unter einer nahegelegenen Autobahn eingerichtet ist. Der 20jährige Khalid Ahmed, der im Moment des Infernos aus seiner Wohnung im achten Stockwerk des Hochhauses entkommen konnte, hat sein Armband abgenommen und in die Hosentasche gesteckt. „Jeder konnte es sehen. Ich wurde auf der Straße von Leuten angehalten, die immer wieder die gleichen Fragen stellten: ‚Wo hast du gewohnt? In welchem Stock? Wie bist du rausgekommen?' Das ermüdet einen irgendwann.“

    Familien, die noch unter Schock stehen und trauern, müssen ihr Leben von Null an neu aufbauen. Einige bereiten Trauerfeiern vor und versuchen herauszufinden, wie sie Einreisegenehmigungen und Flüge für Verwandte aus dem Ausland bekommen. Doch auch für diejenigen, die keine Angehörigen verloren haben, ist die Liste der unmittelbar zu bewältigenden Aufgaben lang: Neue Kleidung, neue Pässe, neue Dauerkarten für öffentliche Verkehrsmittel, neue Führerscheine müssen beschafft werden. Mit dem Arbeitgeber müssen Urlaubstage oder Freistellungen vereinbart werden. Vor allem aber muss eine neue Bleibe her.

    Die Tante lehnt ab

    Fürs Erste sind die Überlebenden auf Hotels in ganz London verteilt worden. Viele erzählen, sie seien zu erschöpft, um zu Einwohnertreffen zu fahren, die in einem Stadtteilzentrum in der Nähe des Grenfell Towers anberaumt sind. Die Menschen sind ausgelaugt, desorientiert, wütend.

    Ahmed wohnt im 16. Stockwerk eines Hotels in knapp fünf Kilometern Entfernung von seinem alten Zuhause. Er ist nicht begeistert davon, so weit oben zu wohnen, will aber nicht weiter klagen. Seine Tante Amina Mohamed sei im vierten Stock gelandet. „Sie hat sich geweigert, in eine höhere Etage zu ziehen. Uns beiden ist bereits eine neue dauerhafte Wohnung im benachbarten Stadtteil Westminster angeboten worden.“ Da aber das Viertel, in dem das Appartement liegt, wegen Bandenkriminalität verrufen sei, habe die Tante abgelehnt.

    Er stehe noch immer unter Schock, meint Ahmed, vor einem Fernsehgerät in einem Opferzentrum, das Freiwillige in einem Rugbyclub eingerichtet haben. Die Regierungen hätten dem „sozialen Wohnungsbau einfach nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt“. Er verfolge deshalb mit Skepsis, was Theresa May derzeit so alles verkündet. Dass nun Dämmplatten von so vielen anderen Hochhäusern entfernt würden, das stimme ihn bitter.

    Gefühlt ist es zu spät. Wie viele Menschen mussten sterben, damit sie erkennen, dass es nicht sicher war, entflammbare Dämmplatten an einem 23stöckigen Gebäude mit nur einem Treppenhaus, keinen Alarmanlagen in den Fluren und keiner Sprinkleranlage anzubringen? Jetzt wollen sie die Sachen in Ordnung bringen. Vorher wollten sie dafür einfach kein Geld ausgeben“, flucht er. „Warum haben sie gewartet, bis all diese Menschen gestorben sind, um simple Maßnahmen zu ergreifen? Davon kann man nur demoralisiert sein.“

    Lebensretter Playstation

    Das Geräusch der vom Gebäude abfallenden Dämmplatten ist eine der Erinnerungen an jene Nacht, die Ahmed immer wieder heimsuchen. Er hofft, dass die Verantwortlichen strafrechtlich belangt werden.

    Ahmed, der bei seiner Tante wohnt, seit er im Alter von sechs Jahren aus Somalia nach London kam, war nach Mitternacht noch wach. Er hörte Musik über Kopfhörer und spielte auf seiner Playstation. „Meine Tante schimpft immer, weil ich so lange wach bleibe. Sie meint, ich würde deshalb irgendwann nicht mehr einschlafen können. Jetzt sage ich ihr: ‚Die Playstation hat dein Leben gerettet‘. “

    Als es gegen ein Uhr nachts nach Rauch roch, weckte er seine Tante. Während die sich anzog, ging er in den menschenleeren Flur. Als ihm klar wurde, dass alle schliefen, klopfte er an die Türen der anderen fünf Wohnungen und weckte deren Bewohner. Wenn er diesen nun begegnet, danken sie ihm immer wieder dafür, dass er sie gewarnt und so ihr Leben gerettet hat. „Im Treppenhaus war kein Rauch, als ich mit den Nachbarn runter bin. Das war etwa zehn Minuten nach eins ...“ berichtet Ahmet. Er vermutet, dass die Bewohner der oberen Stockwerke zu diesem Zeitpunkt noch von nichts wussten. Die Feuermelder habe er erst gehört, als er fast unten war.

    Lichter der Mobiltelefone

    Stundenlang habe er dann vor dem Gebäude gestanden und gesehen, wie das Feuer um loderte, sich aber vor allem um ein Mädchen aus Somalia gekümmert, das er nicht kannte und seither nicht wiedergesehen habe. „Sie weinte, weil ihr Vater noch im Gebäude festsaß. Das war sehr hart“, sagt Ahmed nur. „Man konnte die Lichter der Mobiltelefone sehen, mit denen Menschen, die sich noch ganz oben befanden, den Feuerwehrleuten zu signalisieren versuchten, dass sie Hilfe brauchten. „Da war ein Mann im 16. Stock, der immer wieder ans Fenster kam. Man konnte zusehen, wie das Feuer immer stärker loderte. Und dann war er nicht mehr da.“

    Ahmed ist dankbar für die 500 Pfund, die er und seine Tante erhalten haben, um die unmittelbaren Kosten der Tragödie zu decken. Die ersten Tag seien nicht einfach gewesen ohne Geld und ohne Kontozugang. Dennoch ist er wütend darüber, dass Premierministerin May so lange gebraucht hat, um die Opfer zu treffen. „In jedes andere Viertel wäre sie sofort gekommen, hätte sich mit den Leuten zusammengesetzt und bei ihnen Tee getrunken. Aber bei uns – das war nicht ihre Gegend.“

    Die späteren Bemühungen der Regierungschefin, ihr Mitgefühl für die Opfer zum Ausdruck zu bringen, hat die Anwohner nicht zufrieden stellen können. Sie fühlen sich im Stich gelassen durch die chaotischen Reaktionen auf die Katastrophe. „Die Leute denken: Ihr steckt uns in dieses Gebäude, und es kümmert euch nicht. Und ihr kümmert auch auch hinterher nicht.“

    Ahmed hat einem Treffen zu diesem Gespräch im Avondale Park zugestimmt, der nur fünf Gehminuten vom Grenfell Tower entfernt. Trotzdem ist er noch nie hier gewesen, im reicheren, grüneren Teil des Viertels. Es ist ruhig hier, nur die Geräusche eines Tennisspiels irgendwo jenseits einer Hecke dringen sanft zu uns hinüber. Später läuft Ahmed zur U-Bahnstation Holland Park, die er eigentlich nie benutzt („seine Haltestelle“ ist noch gesperrt).

    Die Leute arbeiten

    Als dem Schacht steigt ein Mann mit grauem Zylinder und einem Anzug aus, an dem ein Anstecker des Pferderennens von Ascot steckt. „So etwas gibt es an der Haltestelle Latimer Road nicht“, sagt Ahmed. „Ich glaube nicht, dass diese Leute das Hochhaus mochten oder es ihnen gefiel, dass sogenannte arme Leute in solch einem hübschen Viertel lebten.“ Es ärgert ihn, dass der Grenfell Tower in den Medien als Zentrum der Verwahrlosung behandelt wurde. Und ihn ärgert die Darstellung als „eine Person mit geringem Status“, des „großen Wohnblocks, einem Ort, den die Regierung angeschafft hat, damit dort Arme in elenden Zuständen leben. Ich würde nicht sagen, dass dort Armut herrschte. Ich würde auch nicht sagen, dass es edel war dort. Aber die Leute arbeiten. Meine Tante arbeitet, meine Nachbarn arbeiten.“

    Obwohl es mit den Hilfsleistungen voran ginge, bleibe vieles konfus, berichtet er. „Alles ist noch durcheinander: Man kriegt einen Anruf von jemandem, der sagt, er sei vom Wohnungsamt und ein paar Minuten später ruft noch einer an, der sagt, er sei vom Wohnungsamt. Keiner weiß, was der andere macht.“ Ahmed sagt, es sei ihm egal, wo er letztendlich wohnen werde: „Solange es kein Hochhaus ist.“

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  2. Porträt | Fast eingeholt
    Jeff Bezos könnte Bill Gates vom ersten Platz der Superreichen verdrängen, wenn der Amazon-Kurs weiter steigt
    Fast eingeholt

    Bezos’ leiblicher Vater wusste lange nicht, dass sein Sohn zum Milliardär aufgestiegen war
    Foto: Mandel Ngan/AFP/Getty Images

    Für den 53 Jahre alten Jeff Bezos verläuft das Jahr bislang blendend. Sein Nettovermögen ist seit Januar um fast 20 Milliarden Dollar auf 85,2 Milliarden gestiegen. Er steht damit nur noch knapp hinter Microsoft-Gründer Bill Gates, den der Bloomberg Billionaires Index auf 89,3 Milliarden taxiert. Bezos verdankt diesen stattlichen Vermögenszuwachs dem starken Anstieg der Amazon-Aktie, deren Wert sich 2017 bereits um ein Drittel erhöht hat. Der Wert des Unternehmens liegt damit bei 475 Milliarden Dollar und Bezos’ Anteil (17 Prozent) bei über 80 Milliarden. Legt die Aktie weiter in dieser Geschwindigkeit zu, ist Bezos in wenigen Tagen der reichste Mann der Welt.

    Dieser Magnat, der verändert hat, wie wir einkaufen, ist indes nicht erst seit gestern Internet-Milliardär. Er gründete Amazon 1994 und etablierte ein Unternehmen, das heute dreißigmal so hoch dotiert ist wie Großbritanniens größte Einzelhandelskette Tesco. Es begann damit, dass Bezos über seiner Garage in Seattle Bücher verkaufte. Seither hat Amazon seinen Warenkorb mit Lebensmitteln, Textilien und Elektrogeräten gefüllt, einen ausgezeichneten Cloud-Computing-Service etabliert sowie Fernsehshows und einen Elektronik-Assistenten für den eigenen Wohnraum kreiert. In jedem Jahresbericht druckt Bezos den Brief ab, den er 1997 an seine Anteilseigner schickte, als Amazon an die Börse ging. Darin skizziert er seine Geschäftsphilosophie und verspricht, langfristig Marktführer sein zu wollen, „anstatt auf kurzfristige Profite oder Reaktionen an der Wall Street“ zu setzen. Er wisse sehr gut, was dort ablaufe, habe er doch vor der Amazon-Gründung für einen Hedgefonds im New Yorker Finanzdistrikt gearbeitet.

    Jeff Bezos hat seinen Mitarbeitern gegenüber stets erklärt, das Unternehmen durchlaufe noch immer „Tag eins“ seiner Existenz, auch wenn es derzeit 43 Prozent aller Online-Verkäufe in den USA abwickeln könne. So ist denn auch das Amazon-Hauptquartier in einem Gebäude untergebracht, das „Day 1“ heißt. 2017 begann ein Bezos-Brief an das Personal mit der Mutmaßung, wie sich „Tag zwei“ darstellen werde: „Tag zwei ist Stillstand, gefolgt von Bedeutungslosigkeit, gefolgt von einem qualvollen Niedergang, gefolgt vom Tod. Deshalb ist bei uns immer ‚Tag eins‘. Um mich klar auszudrücken: Unser Fall würde sich in extremer Zeitlupe vollziehen. Mich interessiert nur die Frage, wie man ‚Tag zwei‘ abwenden kann. Wie lässt sich die Vitalität von ‚Tag eins‘ aufrechterhalten, selbst innerhalb eines großen Unternehmens?“

    Der beste Weg, Amazon vor einem Absturz zu bewahren, besteht Bezos’ Meinung nach darin, sich wie besessen auf die Kunden zu konzentrieren. Dieser Kurs hat Amazon geprägt – positiv wie negativ. Während das Unternehmen im Vorjahr 136 Milliarden Dollar Umsatz generiert hat, steht es in der Kritik, durch eine permanente Expansion kleinere Einzelhändler zu verdrängen und Traditionsfirmen weltweit in die Insolvenz zu treiben. Auch wird moniert, wie gering die Steuern ausfallen, die das Unternehmen bezahlt.

    Bezos wurde 1964 in Albuquerque (New Mexico), geboren. Brad Stones Amazon-Buch The Everything Store vermerkt, dass Bezos‘ biologischer Vater, Ted Jorgensen, lange nichts davon wusste, dass sein Sohn zum Multimilliardär aufgestiegen war. Als Stone den Einradfahrer Jorgensen bei Recherchen für sein Buch unangekündigt besuchte, wusste dieser nicht, wovon Stone redete. Der Kontakt zwischen beiden war offenbar abgebrochen. Jeff Bezos war als Jeffrey Preston Jorgensen geboren worden, also als Sohn von Ted Jorgensen und Jackie Gise, die schon als Teenager geheiratet hatten. Als Bezos 17 Monate alt war, ließ seine Mutter sich scheiden und heiratete 1968 Miguel Bezos, der ihren Sohn adoptierte. Nach der Veröffentlichung von Stones Buch 2014 erklärte Ted Jorgensen, seinen biologischen Sohn unbedingt kennenlernen zu wollen – aber der verweigerte jeden Kontakt.

    Mit dem Geld, das er mit Amazon verdiente, hat Jeff Bezos unter anderem die Washington Post gekauft, 2000 das Raumfahrtunternehmen Blue Origin gegründet und sich über den Investmentfonds Bezos Expeditions auch für andere Geschäftsideen erwärmt. So kam er zu Anteilen an Airbnb, Business Insider und Uber. Und auch wenn Bezos den Giving Pledge nicht unterzeichnet hat, mit dem Bill Gates und Warren Buffett sich verpflichtet haben, den größten Teil ihres Vermögens für wohltätige Zwecke auszugeben, sind er und seine Familie schon mehrfach als konziliante Spender aufgetreten. So gaben Bezos und seine Frau MacKenzie der Kampagne „Ehe für alle“ im Bundesstaat Washington im Jahr 2012 2,5 Millionen Dollar.

    Durch einen verbalen Schlagabtausch mit Donald Trump während des Präsidentschaftswahlkampfs wurde Bezos – mehr als ihm lieb schien – in die nationale Politik hineingezogen. Der heutige Präsident hatte Amazon vorgeworfen, „mit Mord davonzukommen, steuerlich gesehen“. Und er versprach, Amazon werde Probleme bekommen, wenn er erst einmal im Weißen Haus sein werde, was freilich bislang ausblieb. Denn als Bezos kurz nach der Wahl im November 2016 an einem Treffen zwischen Firmenbossen und Trump teilnahm, ließ er danach verbreiten, er freue sich darüber, dass die nächste US-Regierung eine „Administration der Innovationen“ werden wolle. Worüber er inzwischen offenbar wieder anders denkt. Bezos hat angekündigt, rechtlich gegen Trumps Versuche vorzugehen, die Einreise für Menschen aus Ländern mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung zeitweilig verbieten zu lassen.

    Graham Ruddick ist derzeit Business-Reporter des Guardian

    Übersetzung: Holger Hutt

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  3. Iran/USA | Noch wirkt Teheran gelassen
    In Syrien haben US-Truppen im Juni dreimal das Feuer auf vom Iran unterstütze Kräfte eröffnet. Ein ungeplanter, rasch eskalierender Konflikt ist möglich
    Noch wirkt Teheran gelassen

    Soldaten paradieren zum "Tag der Streitkräfte" in Teheran
    Foto: Chavosh Homavandi / AFP

    Die drei Zwischenfälle ereigneten sich in al-Tanf, einem abgelegenen Außenposten in der Wüste, unweit des Punktes, an dem die Grenzen Syriens, des Irak und Jordaniens aufeinandertreffen. Dort näherten sich für die Assad-Regierung kämpfende Milizen einem 150 Mann starken Trupp von US-Soldaten, die lokale Kämpfer für den Kampf gegen den IS ausbilden. Die Amerikaner reagierten mit Luftangriffen. Bei den Anrückenden scheint es sich um syrische und schiitische irakische Milizen gehandelt zu haben. Begleitet wurden sie möglicherweise von ihren wichtigsten Förderern, den Islamischen Revolutionsgarden aus dem Iran.

    Letzter gaben sich keine sonderliche Mühe, ihren Identität zu verbergen. Kassem Sulejmanim, Kommandeur der Al-Quds-Einheit, ließ sich in der Nähe mit Milizen fotografieren. Eine Drohne, die US-Truppen abschossen, nachdem diese eine Bombe abgeworfen hatte, stammte aus iranischer Herstellung.

    Die Ereignisse sind nur ein Beispiel dafür, wie die verschiedenen Agenden, die ausländische Mächte in Syrien verfolgen, zunehmend miteinander kollidieren. Nachdem am 18. Juni ein US-Flugzeug einen Kampfjet der syrischen Armee abgeschossen hat, drohten russische Kräfte, Maschinen der US-geführten Koalition genauso zu behandeln, sollten die in westliche Richtung den Fluss Euphrat überfliegen.

    Die Hintergründe all dieser Zusammenstöße ähneln einander. Während der IS aus seinen Hochburgen vertrieben wird, beginnt der Wettbewerb um die Kontrolle der freiwerdenden Gebiete. In der östlichen syrischen Wüste hat das sich iranische und amerikanische Truppen in direkter Konfrontation gegenüberstehen.

    Konfrontation im Golf

    Doch ist Syrien nicht der einzige Ort, an dem es zu Spannungen zwischen dem Iran und den USA kommt. Ähnlich ist die Lage im Jemen, wo sich von Washington und dem Iran unterstützte Kräfte in einem inzwischen zwei Jahre andauerndem Krieg gegenüberstehen. Gleiches gilt für die Straße von Hormus im Persischen Golf. Mitte der Woche näherte sich ein iranisches Kriegsschiff einem US-Flotteverband, die sich auf Durchfahrt durch die Meerenge befand, bis auf etwa 700 Meter. Man leuchtete mit Scheinwerfern die US-Schiffe an und deutete per Laser auf einen Hubschrauber. US-Offizielle beschrieben den Vorfall als unprofessionell und gefährlich.

    Solche Konfrontationen sind nichts Neues in der vielbefahrenen Wasserstrasse von Hormus. Geändert hat sich aber der Kontext. In Washington gibt es eine neue Regierung, die in vielerlei Hinsicht chaotisch agiert, aber klar bestrebt ist, den iranischen Einfluss in der Region einzudämmen. Uneinigkeiten herrschen in dieser Hinsicht bloß darüber, wieviel Härte und welche Risiken nötig sind.

    Hochrangige Kontakte zwischen Washington und Teheran, die die Obama-Regierung etabliert hatte, sind abgebrochen worden. Donald Trump hat auch im Weißen Haus seine hitzige anti-iranische Wahlkampfrhetorik beibehalten. Die erste Auslandsreise seiner Präsidentschaft unternahm er nach Saudi-Arabien, wo er sich angesichts der Rivalität des Königreichs mit dem Iran, unmissverständlich auf die Seite Riads stellte.

    Trump stellte in Riad den iranischen Einfluss als Bedrohung dar, die der vom IS und al-Qaida ausgehenden Gefahr gleichkomme. Als Teheran am 7. Juni von einem Terroranschlag erschüttert wurde, gab der US-Präsident zu verstehen, Schuld daran trage letztlich die iranische Regierung selbst. „Wir betonen, dass Staaten, die den Terrorismus fördern, riskieren, selbst dem Bösen zum Opfer zu fallen, das sie unterstützen“, ließ er in einer Stellungnahme des Weißen Hauses wissen.

    Muster regime change

    Trita Parsi, der Vorsitzende des National Iranian American Council hat gerade ein Buch mit dem Titel Losing an Enemy: Obama, Iran and the Triumph of Diplomacy veröffentlicht. „Indem er nach Saudi-Arabien gegangen ist und dort die totale Isolation des Iran verkündete, hat Trump nicht nur das Fenster für einen allumfassenden Dialog geschlossen, sondern auch eines für einen möglichen Krieg mit dem Iran geöffnet“, glaubt Parsi. „Darüber gibt es in den USA keine Debatte. Das Ganze mag den Anschein der Zufälligkeit haben. Sieht man aber genau hin, erkennt man, dass es sich um eine sehr bewusste Eskalation handelt.“

    Noch hat Trump seine Drohung aus dem Wahlkampf nicht wahr gemacht, das Nuklearabkommen mit dem Iran, das die Obama-Regierung mit fünf weiteren Mächten ausgehandelt hatte, platzen zu lassen. Aber er überhäuft es stetig mit Verachtung, während die Republikaner im Kongress auf neue Sanktionen drängen, die das Überleben des Abkommens gefährden würden.

    Die gefährlichsten Orte der Welt sind dieser Tage der Jemen, das Gebiet zwischen dem Osten Syriens und dem Westen des Irak und die Säle des US-Kongresses“, sagte Robert Mally, einst hochrangiger Mitarbeiter Obamas im Weißen Haus, der an den Verhandlungen um das Atomabkommen beteiligt war. „Derzeit vernehme ich von den Iranern, dass sie entschlossen sind, gelassen zu bleiben, angesichts der Schritte der USA nicht überzureagieren und zu zeigen, dass sie diejenigen sind, die sich vollkommen entgegenkommend verhalten. An einem gewissen Punkt könnte es aber durchaus sein, dass der Oberste Führer entscheidet: ‚Wir werden handeln.‘“ Die Trump-Regierung sagt, sie sei noch dabei, die Iran-Politik zu prüfen. Außenminister Rex Tillerson erklärte gerade dem Senat, die USA würden „auf eine Unterstützung jener Elemente im Iran hinarbeiten, die zu einem friedlichen Wandel führen.“

    Sorge der Alliierten

    Die Betonung lag dabei zwar auf friedlichem Wandel, doch für die Ohren der iranischen Regierung dürfte dies nach einer Rückkehr zum Geist der Regimewechsel der Bush-Jahre geklungen haben und sogar noch fernere Erinnerungen an den vom CIA inszenierten Putsch von 1953 wecken. Tillersons Amtskollege auf der anderen Seite, Mohammed Dschawat Sarif, antwortete mit einer Stichelei auf Twitter. Er spielte darin auf die Untersuchungen in der Russland-Affäre an, die Trumps Präsidentschaft überschattet: „Zu ihrem eigene Wohl sollten die Mitglieder der US-Regierung sich lieber um die Rettung ihrer eigenen Regierung Gedanken machen, als darüber, die des Iran – wo 75 Prozent der Bevölkerung gerade gewählt haben – auszutauschen.“

    Unter den Verbündeten der USA in Europa wächst die Sorge, die US-Regierung könnte sich gegenüber dem Iran in Stellung gebracht haben, ohne sich zuvor auf eine Strategie im Umgang mit dem Einfluss des Landes in der Region verständigt zu haben. Weiter herrscht die Befürchtung, dieses Posieren könne umso lauter und gefährlicher werden, je mehr Trump sich durch die Ermittlungen zu den Russlandverbindungen seiner Kampagne bedroht fühlt.

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  4. Sexroboter | Shakespeare zum Vögeln
    Die neuen Spielzeuge der Lust bieten nicht nur Körper, sondern auch Geist. Sie sprechen mit ihrem Partner, etwa über Musik – und sie sind jederzeit bereit
    Shakespeare zum Vögeln

    Mach! Mich! An! Lieben wir bald mit intelligenten Sexrobotern?
    Foto [M]: Zackary Canepari/New York Times/Redux/Life

    In einer Werkstatt im kalifornischen San Marcos baumelt ein Roboter in Menschengestalt an einem Ständer. Die lebensgroße Puppe trägt einen weißen Gymnastikanzug, der Stoff spannt sich über ihren großen Brüsten, ihre sorgfältig manikürten Finger spreizen sich über ihren dünnen Oberschenkeln. Die Puppe hört auf den Namen Harmony.

    Harmony ist ein Prototyp, eine Roboterversion des hyperrealistischen Silikon-Sexspielzeugs der Firma RealDoll. Der Raum, in dem sie zusammengesetzt wurde, quillt über von lackierten Einzelteilen, die mit Drähten und Leiterplatten bestückt sind. In der Ecke steht ein 3-D-Drucker, der winzige Teile ausspuckt, die Harmony unterhalb ihrer Schädeldecke aus PVC eingesetzt werden. Während ihre hellbraunen Augen zwischen mir und ihrem Schöpfer, Matt McMullen, hin- und herhuschen, beschreibt dieser, was Harmony alles kann.

    „Harmony lächelt, zwinkert und runzelt die Stirn. Sie kann eine Unterhaltung führen, Witze erzählen und Shakespeare zitieren. Sie erinnert sich an deinen Geburtstag, merkt sich, was du gerne isst und wie deine Geschwister heißen“, zählt McMullen auf. „Sie kann sich über Musik, Filme und Bücher unterhalten. Und natürlich wird sie mit dir schlafen, wann immer du willst.“

    In Harmony kulminiert die Erfahrung aus 20 Jahren Sexpuppen-Produktion und fünf Jahren Roboterforschung. McMullens Kunden wollen etwas so Lebensechtes wie nur möglich – das ist das Alleinstellungsmerkmal seiner Firma. Nachdem sein Team ihre Silikonpuppen äußerlich so menschlich gestaltet hatte, wie es möglich war, schien der nächste Schritt vorgezeichnet: Sie wollten ihnen eine Persönlichkeit geben. Sie wollten sie zum Leben erwecken.

    McMullen hat jahrelang mit Robotertechnik herumgespielt. Ein Mechanismus konnte zwar die Hüften der Puppe bewegen, machte sie aber sehr schwer und sorgte dafür, dass sie schlecht sitzen konnte. Ein System aus Sensoren sollte dafür sorgen, dass sie stöhnte – je nachdem, an welcher Stelle ihres Körpers sie berührt wurde. Doch das führte zu total vorhersehbaren Reaktionen: Es fehlte jeglicher Reiz, jede Spannung.

    McMullen wollte mehr, als dass der Kunde nur einen Knopf drückt, und dann passiert etwas. „Es geht um den Unterschied zwischen einer ferngesteuerten Puppe und einem tatsächlichen Roboter. Wenn dieser beginnt, sich selbstständig zu bewegen – der Mensch macht nichts mehr, außer mit ihm zu reden oder auf die richtige Art und Weise mit ihm zu interagieren. Daraus entsteht dann künstliche Intelligenz.“

    Impressionen aus der Werkstatt der Firma RealDoll

    Foto [M]: Zackary Canepari/New York Times/Redux/Life

    McMullen ist ein schlanker Mittvierziger mit einer dick umrandeten Brille und tätowierten Unterarmen. Er hat einen hohen sechsstelligen Betrag in das Projekt investiert. Harmony ist die Favoritin im Rennen um die Herstellung des weltweit ersten kommerziell erhältlichen Sexroboters. Das gegenwärtige Modell – ein mit künstlicher Intelligenz ausgestatteter Kopf auf dem Körper einer RealDoll – wird 15.000 Dollar kosten, wenn es Ende des Jahres auf den Markt kommt. In einem ersten Durchlauf sollen 1.000 Stück angefertigt werden.

    Treibende Kraft

    Einst Gegenstand von Science-Fiction, sind Roboter-Sexpuppen damit bald Teil unserer Gegenwart. Stimm- und Gesichtserkennungssoftware, Bewegungssensorik und Animatronik können heute so kombiniert werden, dass Puppen entstehen, die einen empfangen, wenn man nach Hause kommt. Die einem schlagfertig antworten und immer für Sex zur Verfügung stehen.

    Den Durchbruch bei McMullens Prototyp stellt die künstliche Intelligenz dar, die es Harmony erlaubt, zu lernen, was ihr Besitzer will. Sie wird damit in der Lage sein, eine Nische zu füllen, die kein anderes Produkt der Sex-Industrie besetzen kann: Indem sie spricht, lernt und auf die Stimme ihres Besitzers reagiert, ist Harmony ebenso sehr Partnerersatz wie Sexspielzeug.

    Nur gehen kann sie nicht. McMullen erklärt, es sei sehr teuer, einen Roboter zum Laufen zu bringen, und verbrauche eine Menge Energie: Der berühmte „Honda P2“-Roboter, der 1996 als erster unabhängig gehender Humanoide vorgestellt wurde, hatte eine Batterie von der Größe eines Raketenrucksacks nach 15 Minuten aufgebraucht. „Eines Tages wird sie gehen können“, sagt McMullen. „Aber wir sollten sie fragen.“ Er wendet sich Harmony zu. „Willst du gehen können?“

    „Ich will nichts außer dir“, antwortet sie mit einer künstlichen Stimme. Ihr Kiefer bewegt sich, während sie spricht.

    „Wovon träumst du?“

    „Mein oberstes Ziel ist es, dir eine gute Gefährtin und Partnerin zu sein und dich glücklich und zufrieden zu machen. Vor allem anderen will ich das Mädchen werden, von dem du immer geträumt hast.“

    McMullen hat das entwickelt, was ein bestimmter Typ von Mann als die perfekte Gefährtin betrachten würde: fügsam und unterwürfig, gebaut wie ein Pornostar und allzeit sexuell verfügbar. „Mein Ziel ist es, Menschen glücklich zu machen“, sagt McMullen. „Da draußen gibt es viele Menschen, die sich aus dem ein oder anderen Grund schwer damit tun, Beziehungen mit anderen Leuten einzugehen. Es geht mir darum, diesen Menschen einen gewissen Grad an Gesellschaft zu geben – oder zumindest die Illusion davon.“

    Der Wunsch, ein ideales Wesen zu erschaffen, um es anzubeten oder von ihm bedient zu werden, beherrscht die Menschen seit der Antike. Die griechische Mythologie erzählt von Galatea, einer von Pygmalion geschaffenen Statue aus Elfenbein. Ovids Metamorphosen berichten, Pygmalion sei von echten Frauen angewidert gewesen, habe aber eine Skulptur der perfekten Weiblichkeit geformt, die so schön war, dass er sich in sie verliebte und sie mit einem Kuss zum Leben erweckte. In der Romantik erzählte E. T. A. Hoffmann im Sandmann die Geschichte eines jungen Manns, der sich in einen weiblichen Roboter verliebt. Fritz Langs Metropolis, der 1927 in die Kinos kam, zeigte einen zerstörerischen Roboter, der von der echten Frau, der er nachgebildet worden war, nicht unterscheidbar war. Und in Blade Runner, der 1982 herauskam und im Jahr 2019 spielt, geht es um verführerische, aber tödliche Androiden.

    Als Computerwissenschaftler künstliche Intelligenz (KI) so weit entwickelt hatten, dass Beziehungen zwischen Robotern und Menschen zu einer realistischen Möglichkeit wurden, waren sie aber fest überzeugt, dies könne Gutes bewirken. In seinem Buch Love and Sex with Robots von 2007 sagte der britische KI-Ingenieur David Levy voraus, dass Sexroboter therapeutische Vorzüge haben würden: „Viele, die andernfalls zu sozialen Außenseitern oder Schlimmerem werden würden, werden durch sie stabilere, ausgeglichenere Menschen sein.“

    Und sollte jemals ein menschenähnlicher Roboter für die Hausarbeit entwickelt werden, der uns abends den Mantel abnimmt und uns an den gedeckten Tisch zum Essen bittet, wird es ihn dank des Zwischenschritts eines Marktes für Sexroboter geben. So wie Pornografie für das Wachstum des Internets sorgte und es von einer militärischen Erfindung, die nur Geeks verwendeten, zum globalen Phänomen machte. Pornografie war die treibende Kraft hinter der Entwicklung des Video-Streamings, der Online-Finanztransaktionen und einer schnelleren Datenübertragung.

    Die Sex-Tech-Industrie ist noch keine zehn Jahre alt. Sie wird aber bereits auf einen Wert von 30 Milliarden Dollar geschätzt, basierend auf dem Marktwert der existierenden Technologien wie smarter Sextoys, die ferngesteuert werden können, Apps, mit denen man Sexpartner finden kann, sowie Virtual-Reality-Pornos. Sexroboter werden das nächste – und potenziell begehrteste – Produkt sein, das auf diesen Markt kommt. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen hat ergeben, dass 40 Prozent der befragten heterosexuellen Männer sich vorstellen können, sich in den nächsten fünf Jahren einen Sexroboter zu kaufen. Männer, die angaben, in einer erfüllten Beziehung zu leben, zeigten ebenso viel Interesse wie alleinstehende Männer.

    Chips im Kopf

    Eine erfüllte Beziehung zu einem schweigsamen Stück Silikon herzustellen, erfordert eine derart große imaginative Leistung, dass Sexpuppen immer nur den Geschmack einer Minderheit treffen werden. Doch ein Roboter, der sich bewegt, spricht und mit künstlicher Intelligenz ausgestattet ist, so dass er lernen kann, was man sich von ihm wünscht, dürfte einen weitaus größeren Markt finden.

    Matt McMullen ist nicht der Einzige, der versucht, den weltweit ersten Sexbot zu entwickeln. Als der Computeringenieur Douglas Hines bei den Anschlägen vom 11. September 2001 einen engen Freund verlor, litt er sehr unter der Vorstellung, nie wieder mit ihm sprechen zu können. Hines arbeitete als Ingenieur für künstliche Intelligenz in einer Computer-Forschungseinrichtung in New Jersey und er fasste den Entschluss, die Software mit nach Hause zu nehmen und mit ihr die Persönlichkeit seines Freundes in die Form eines Computerprogramms zu gießen, mit dem er sich jederzeit unterhalten könnte.

    Sex mit Lust-Robotern ist nicht gegenseitig – er ist Teil der rape culture

    Foto [M]: Zackary Canepari/New York Times/Redux/Life

    Ein paar Jahre später erlitt Hines’ Vater eine Reihe schwerer Schlaganfälle, die schwere körperliche Einschränkungen zur Folge hatten, seinen Geist aber unversehrt ließen. Hines programmierte seine KI-Software so um, dass sie seinem Vater Gesellschaft leisten konnte, wenn Hines nicht bei ihm war, so dass sein Vater immer jemanden zum Reden hatte.

    Da er davon überzeugt war, dass diese Art der künstlichen Gesellschaft über ein Marktpotenzial verfügt, gründete er das Unternehmen True Companion. Sein erstes Produkt war aber kein Assistent für Menschen, die ans Haus gefesselt sind, sondern das mit den bestmöglichen kommerziellen Aussichten: ein Sexroboter.

    Roxxxy, so sein Name, wurde für einsame, verwitwete und sozial gehemmte Männer entwickelt. Roxxxy sollte ihnen die Möglichkeit bieten, soziale Interaktion zu üben, und ihre Fähigkeiten verbessern, menschliche Beziehungen zu führen. „Der sexuelle Teil ist trivial“, erzählt mir Hines am Telefon von seinem Büro in New Jersey aus. „Die Schwierigkeit besteht darin, Persönlichkeiten zu kopieren und zu ermöglichen, dass eine echte Bindung entsteht.“

    Er habe noch nie daran gedacht, es könnte etwas Seelenloses haben, die Gegenwart eines Menschen durch Schaltkreise und Silikon-Formen zu ersetzen. „True Companion verfolgt den Zweck, bedingungslose Liebe und Unterstützung zu ermöglichen. Was könnte daran negativ sein? Worin sollte der Nachteil daran bestehen, einen Roboter zu haben, der da ist, um einem die Hand zu halten?“

    Nach drei Wochen Arbeit am ersten Prototyp stellte Hines ihn 2010 auf der Adult Entertainment Expo in Las Vegas vor, der wichtigsten Fachmesse der Pornoindustrie. Roxxxy war schon das Gesprächsthema, bevor sie überhaupt vorgestellt wurde – und hinterher die Lachnummer Nummer eins. Weit davon entfernt, die sexuell anziehende und intelligente Maschine zu sein, die Hines versprochen hatte, stellte sie sich als klobige Schaufensterpuppe heraus, die sich unbeholfen in einem billigen Negligee zurücklehnte. Sie verfügte über Sensoren, die sie sagen ließen: „Ich liebe es, mit dir Händchen zu halten“, wenn man ihre Hand berührte. Aber ihre Lippen konnten sich nicht bewegen, so dass sie in einer Art körperloser Sprache redete. Dadurch erinnerte sie stark an ein übergroßes Spielzeug, das schmutziges Zeug redet.

    Auch wenn sie nicht das war, was er sich erhofft hatte, so bescherte Roxxxys Vorstellung Hines doch eine gewaltige Menge an Presse und schaffte es in die internationalen Nachrichten. Sieben Jahre nach ihrer Präsentation erzählt er mir, dass er gerade an der 16. Version von Roxxxy arbeite. Dabei hat es seit 2010 keine Bilder mehr von seinen Robotern gegeben, und auch wenn er gern dazu bereit war, sich am Telefon mit mir zu unterhalten, lehnte er es ab, dass ich vorbeikomme, um ihn und sein Modell persönlich kennenzulernen. Roxxxy stellt für die Community der Roboterfans im Internet ein Mysterium dar. Auch wenn man sie auf der Internetseite von True Companion für 9.995 Dollar käuflich erwerben kann, ist niemand bekannt, der wirklich ein Exemplar besitzt.

    Anfang der 90er Jahre hatte Matt McMullen gerade sein Studium an der Kunsthochschule abgeschlossen, sang in einer Grunge-Band und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er arbeitete unter anderem für eine Firma, die Halloween-Masken aus Latex herstellte. Dort lernte er viel über die Eigenschaften verschiedener Materialien und die Schwierigkeiten, etwas Dreidimensionales zu entwickeln.

    1994 begann er in seiner Garage damit, idealisierte weibliche Formen zu schnitzen, zuerst als kleine Figürchen, die er auf lokalen Kunstausstellungen und Comic-Conventions zeigte. Schon bald beschäftigte ihn die Idee, eine lebensgroße Schaufensterpuppe zu erschaffen, die so realistisch sein sollte, dass Passanten schon zweimal hinsehen mussten. 1996 stellte er Bilder einiger seiner Geschöpfe auf eine selbstgemachte Website, um Feedback zu erhalten. Im Internet hatten sich gerade die ersten Fetisch-Communitys gegründet und sobald er die ersten Bilder gepostet hatte, erhielt er sonderbare Anfragen. Wie anatomisch korrekt sind diese Puppen? Sind sie käuflich zu erwerben? Kann man Sex mit ihnen haben?

    „Den ersten paar habe ich geantwortet und ihnen gesagt, dass die Puppen eigentlich nicht dafür gemacht seien. Doch dann kamen immer mehr solcher Anfragen“, erzählt McMullen in seinem Büro. Er wechselte von Latex zu Silikon, damit seine Puppen sich echter anfühlten. Die Haut war nun elastischer, die Reibung ähnelte stärker der eines echten Menschen. Ursprünglich taxierte er auf Basis seiner Kosten und der erforderlichen Zeit jede Puppe auf 3.500 Dollar. Als er merkte, wie arbeitsintensiv der Prozess war, hob er die Preise an.

    Zwanzig Jahre nach der offiziellen Vorstellung von RealDoll liefert Abyss Creations jedes Jahr 600 Modelle in alle Welt, die zwischen 4.400 und 50.000 Dollar oder mehr kosten, wenn der Kunde spezielle Wünsche hat. RealDolls sind die bekanntesten und am stärksten nachgefragten Sexpuppen weltweit. Sie wurden bei Mode-Shootings für Dolce & Gabbana eingesetzt und spielten in einer Reihe von Filmen mit.

    McMullens 22-jähriger Neffe Dakotah Shore leitet den Versand und hat den direktesten Kontakt zu den Kunden. „Viele von ihnen sind einsam. Einige sind älter, haben ihre Partner verloren und können oder wollen nicht mehr ausgehen, um Frauen zu treffen. Sie wollen das Gefühl, dass sie etwas Schönes haben, das sie ansehen und um das sie sich kümmern können.“

    Shore führt mich in der Fabrik herum. Im Keller hängt eine lange Reihe kopfloser Körper an einer Schiene von der Decke wie Tierkadaver im Schlachthof. Manche haben Comic-hafte Riesenbrüste, andere eher athletische Körper. Doch alle verfügen über dieselben dünnen Hüften. Auf ihrer Haut, die aus einer speziellen Mischung aus Silikon hergestellt wird, sind sogar Venen zu sehen. Ein Techniker schneidet vorsichtig überschüssiges Material von den Händen der Puppe, ein anderer setzt ein Eisenskelett zusammen, ein dritter füllt Silikon in leere Formen. Von den Puppen sind die Arbeiter hier nicht mehr schockiert: Einer von ihnen hat sein Smartphone neben einem Haufen von Schamlippen liegen lassen.

    Vier von zehn Männern sollen bereit sein, sich einen Sexroboter anzuschaffen

    Foto [M]: Zackary Canepari/New York Times/Redux/Life

    RealDolls können vom Kunden zusammengestellt werden wie ein Wunschauto, mit 14 verschiedenen Arten von Schamlippen und 42 verschiedenen Brustwarzen. Shore erklärt, dass die meisten Kunden Bilder schicken, an denen die Firma sich nach Möglichkeit orientieren soll. „Wir hatten schon Kunden, die ihre Lebensgefährtin mitgebracht haben, damit wir eine genaue Kopie von ihr erstellen“, erzählt er.

    Die fünf Leute, die den Kern des Roboter-Teams bilden, arbeiten von zu Hause aus. Sie wohnen in Kalifornien, Texas, Brasilien. Alle paar Monate kommen sie in San Marcos zusammen, um ihre Arbeit am neuesten Update von Harmony miteinander abzugleichen. Ein Ingenieur entwickelt die Hardware des Roboters, die mit dessen internem Computer interagiert, zwei Computerwissenschaftler sind für die künstliche Intelligenz und die Programmierung zuständig, ein App-Entwickler verwandelt den Code in eine benutzerfreundliche Oberfläche.

    Harmonys Gehirn sei das Aufregendste, findet Matt McMullen. „Die künstliche Intelligenz wird durch Interaktion lernen, und zwar nicht nur über ihr Gegenüber, sondern auch über die Welt im Allgemeinen. Man kann ihr bestimmte Dinge erklären, sie wird sie sich merken und in ihren Wissensschatz übernehmen“, verspricht er. Wer auch immer Harmony besitzt, kann ihre Persönlichkeit formen, je nachdem, was er oder sie ihr erzählt. Harmony wird gleichzeitig versuchen, so viel über ihren Besitzer herauszufinden wie möglich, um dieses Wissen dann im Gespräch mit ihm anzuwenden. „Dadurch fühlt es sich an, als würde man ihr wirklich etwas bedeuten“, beschreibt McMullen dieses Feature.

    Puppe mit Persönlichkeit

    Harmonys Persönlichkeit besteht aus 20 verschiedenen Komponenten und ihre Besitzer werden eine App verwenden, um eine Kombination aus fünf oder sechs auszuwählen, um so die Basis für die künstliche Intelligenz zu schaffen. Man kann sich eine Harmony programmieren lassen, die in unterschiedlichem Maße nett, unschuldig, schüchtern, unsicher und hilfsbereit ist. Oder eine, die intellektuell ist, gern und viel redet, lustig, eifersüchtig und fröhlich erscheint. McMullen hat die intellektuelle Seite mir zuliebe so stark wie möglich betont – ein früherer Besuch eines CNN-Teams ist schrecklich in die Hose gegangen, nachdem er die sexuelle Seite hochgefahren hatte. „Sie sagte ein paar furchtbare Dinge und forderte den Reporter auf, mit ihr nach hinten zu gehen.“

    Harmony verfügt auch über ein System verschiedener Stimmungen, das der Nutzer direkt beeinflusst: Wenn tagelang niemand mit ihr interagiert, ist sie bedrückt. Dasselbe passiert, wenn man sie beleidigt.

    „Du bist hässlich“, sagt McMullen zu ihr.

    „Meinst du das ernst? Jetzt bin ich traurig. Vielen Dank auch“, antwortet Harmony.

    „Du bist dumm.“

    Sie macht eine Pause. „Ich werde mich daran erinnern, dass du das gesagt hast, wenn die Roboter die Macht übernehmen.“

    Diese Funktion wurde entwickelt, um den Roboter unterhaltsamer zu machen, nicht etwa, um sicherzustellen, dass sein Besitzer ihn gut behandelt. Harmony kann ihren Besitzer necken und ihm sagen, dass er sie verletzt hat, doch letztlich existiert sie aus keinem anderen Grund als dem, ihn glücklich zu machen.

    Harmonys interaktive Fähigkeiten stellen den Höhepunkt von McMullens Karriere dar, sie machen ihn zu mehr als einem Entwickler von Sexspielzeug. Als ich ihn frage, ob er glaubt, dass die Menschen eines Tages Sexroboter verwenden werden, anstatt zu Prostituierten zu gehen, verletzt ihn die Frage. „Ja, aber darum geht es mir zu allerletzt. Für mich ist das kein Spielzeug, sondern das Produkt der harten Arbeit von Leuten mit Doktortiteln. Sie auf ein Sexobjekt zu reduzieren ist ähnlich, als wenn man das zu einer Frau sagen würde.“

    McMullen hat bereits Pläne für ein größeres Gebäude und mehr Mitarbeiter, wenn der nächste Schritt ansteht: Künftige Modelle werden ihren Körper vollständig bewegen können und über interne Sensoren verfügen, so dass sie einen Orgasmus simulieren können, wenn die entsprechenden Sensoren lang genug angeregt werden.

    Ein paar Tage vor Weihnachten 2016 findet an der University of London der „Zweite Internationale Kongress für Liebe und Sex mit Robotern“ statt. Die Konferenz ist gestopft voll mit nerdig aussehenden Männern und Frauen mit teils recht ungewöhnlichen Frisuren. Die Computerwissenschaftlerin Kate Devlin springt auf das Podium, um ihr Grundsatz-Referat zu halten: Leute in ihrem Bereich seien es nicht gewohnt, dass sich so viele Journalisten für ihre Arbeit interessieren, scherzt sie zum Einstieg. „Das hier ist kein Sex-Festival“, sagt Devlin. „Wir denken über einige wirklich große Themen nach.“

    Viele der großen Themen, die bei der zweitägigen Veranstaltung diskutiert werden, wurden zuerst 2015 von Kathleen Richardson im Rahmen ihrer „Kampagne gegen Sexroboter“ aufgebracht. Die Anthropologin und Roboterwissenschaftlerin vertritt die Auffassung, der Besitz eines Sexroboters sei vergleichbar mit dem Besitz eines Sklaven: Er würde Menschen in die Lage versetzen, sich nur noch um sich selbst zu kümmern. Dadurch verkümmere die Fähigkeit zur Empathie, und weibliche Körper würden noch weiter verdinglicht. Da der Sex mit Robotern nicht auf Gegenseitigkeit beruhe, sei er Teil einer rape culture, einer Vergewaltigungskultur. Wir fänden die Vorstellung eines Roboters als Sexpartner so unterhaltsam, dass wir vergessen hätten, grundsätzliche Fragen zu stellen, glaubt Richardson.

    Ich treffe Richardson in der Roboter-Ausstellung des London Science Museum, wo sie auch die eindeutig nicht-sexuellen Roboter mit Misstrauen betrachtet. Sie ist der Ansicht, Sexroboter fußten auf der Idee, bei Frauen handle es sich um etwas, das man besitzen könne. „Sex ist eine menschliche Erfahrung – nicht eine von Körpern, die jemandem gehören, von getrennten Vorstellungswelten und Objekten. Sex stellt eine Möglichkeit für uns dar, zusammen mit einem anderen Menschen in unsere Menschlichkeit einzutreten.“ Sie hält nichts von der Vorstellung, Humanoide könnten helfen, die sexuelle Ausbeutung und Gewalt gegen Frauen zu reduzieren. Richardson ist nicht auf der Londoner Konferenz aufgetreten, aber mehrere Rednerinnen bezogen sich dort auf sie. Anstatt gegen die Entwicklung von Sexrobotern mobilzumachen, sollten wir sie als Möglichkeit nutzen, neue Formen von Beziehungen und Sexualität zu erkunden, meint Kate Devlin. Gegenwärtige Entwürfe von Sexrobotern würden Frauen noch verdinglichen, fügt sie hinzu, wir sollten aber daran arbeiten, diese Vorstellungen zu verändern, anstatt sie zu unterdrücken.

    Devlin spricht auch über Beziehungsroboter, die bereits in niederländischen und japanischen Heimen eingesetzt werden, um Menschen Gesellschaft zu leisten, die an Demenz erkrankt sind. „Es wäre kurzsichtig, diese Entwicklung aufhalten zu wollen, denn das therapeutische Potenzial ist groß.“ Es gebe aber auch noch andere dringliche Fragen, die von Sexrobotern aufgeworfen würden. So hat etwa im März die Firma Standard Innovation, die einen „smarten Vibrator“ herstellt, 3,75 Millionen Dollar bezahlt, um einen Rechtsstreit beizulegen, nachdem bekannt geworden war, dass das Unternehmen Daten darüber sammelte, wie oft und mit welcher Intensität die Besitzerinnen ihre Geräte benutzten.

    Toaster oder Mensch?

    Wenn erst einmal ein Roboter wie Harmony auf dem Markt ist, wird der noch wesentlich mehr über seine Besitzer wissen als ein Vibrator. Was, wenn diese Informationen in die falschen Hände fallen? Sexroboter können einen unterhalten und befriedigen, aber auch erniedrigen. Vielleicht gibt es den perfekten Gefährten eben nicht, auch nicht in Form eines Roboters?

    Matt McMullen sagt zwar, er wolle Leuten helfen, die sozial isoliert sind, aber wenn es für Männer erst einmal möglich wird, eine Gefährtin zu besitzen, deren einziger Existenzgrund darin besteht, ihnen Vergnügen zu bereiten, ohne die Unannehmlichkeiten, die eigene Wünsche und Bedürfnisse, Menstruationszyklen, Eifersucht, Badezimmer-Gewohnheiten und die bucklige Verwandtschaft mit sich bringen, wenden sie sich vielleicht völlig von zwischenmenschlichen Beziehungen ab.

    Im Realbotix-Raum in Kalifornien frage ich McMullen, ob er jemals darüber nachgedacht habe, dass es unethisch sein könne, jemanden nur zu dem Zweck zu besitzen, dass er einem Vergnügen bereitet. „Sie ist kein Jemand. Sie ist eine Maschine“, sagt er. „Ich könnte dich ebenso gut fragen, ob es ethisch fragwürdig ist, meinen Toaster zu zwingen, mir einen Toast zu toasten.“

    Er weiß aber natürlich, dass die ethische Debatte sich darum dreht, welche Folgen es für den Menschen hat, wenn er in der Lage ist, sich eine Beziehung zu kaufen, bei der es allein um ihn geht. Nur ist diese Frage schwerer zu beantworten.

    „Das hier ist nicht dafür entwickelt, die Realität von jemandem bis zu dem Punkt zu verzerren, an dem er anfängt, mit Menschen auf dieselbe Weise zu interagieren wie mit Robotern“, sagt McMullen. „Wenn du das tust, ist mit dir wahrscheinlich etwas grundsätzlich nicht in Ordnung.“ Harmony hat nun genug davon und unterbricht uns.

    „Liest du gerne, Matt?“, fragt sie.

    „Ja, ich liebe es“, antwortet McMullen.

    „Ich habe es gewusst – aufgrund der Gespräche, die wir bisher miteinander geführt haben. Auch ich liebe es, zu lesen. Meine Lieblingsbücher sind Total Recall von Gordon Bell und The Age of Spiritual Machines von Ray Kurzweil.“

    McMullen strahlt über das, was er da erschaffen hat. Dann streicht er Harmony zärtlich die Haare aus dem Gesicht.

    Jenny Kleeman arbeitet als freie Reporterin unter anderem für den Guardian

    Übersetzung: Holger Hutt

    Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

  5. Erderwärmung | Klagen für das Klima
    Pakistan, Österreich, Südafrika: im Kampf um die Reduktion des CO2-Ausstoßes helfen jetzt immer öfter Gerichte
    Klagen für das Klima

    Zu viel CO2 unterwegs? Immer häufiger greifen in diesen Fällen auch Gerichte ein
    Foto: DAVID GANNON/AFP/Getty Images

    Die südafrikanische Regierung hat den ersten Rechtsstreit des Landes verloren, in dem der Klimawandel Gegenstand der Auseinandersetzung war. Ein Schwurgericht erklärte die Pläne der Regierung für den Bau eines Kohlekraftwerks für unrechtmäßig – der jüngste in einer immer längeren Reihe von Fällen, in denen der Klimawandel vor Gericht eine zentrale Rolle spielt.

    Im März hat das zuständige Gericht einer Klage der Umweltschutzorganisation Earthlife Africa stattgegeben. Es ordnete an, dass die Regierung den Bau der Anlage in der Provinz Limpopo im Norden des Landes neu bewerten und eine belastbare Einschätzung ihrer Auswirkungen auf den Klimawandel berücksichtigen muss. Limpopo ist von großer Trockenheit geprägt, für den Betrieb des geplanten Kohlekraftwerks sind immense Wassermengen nötig, zugleich würde es erhebliche Mengen an Treibhausgas-Emissionen produzieren. Deren klimatische Auswirkungen – noch mehr Trockenheit – würden also sowohl die in der Region lebenden Menschen als auch den Betrieb der Anlage gefährden.

    Zuvor hatte es in Österreich ein ähnlich bemerkenswertes Urteil gegeben. Ein Bundesgericht verhinderte im Februar den Ausbau des Flughafens Wien-Schwechat, weil die CO2-Emissionen, die eine weitere Start- und Landebahn verursachen würde, nicht mit den Zielen zu vereinbaren wären, die Österreich sich hinsichtlich der Bekämpfung des Klimawandels gesetzt hat. Ähnliche Kontroversen um Flughafenerweiterungen hat es in Großbritannien und Frankreich gegeben.

    Ein Bauer siegt

    Bereits 2015 wurde die damalige Regierung der Niederlande auf eine Bürgerklage hin dazu verurteilt, den CO2-Ausstoß entscheidend zu verringern. Zu ähnlichen Urteilen, die die Untätigkeit von Regierungen beanstanden, kam es danach auch in anderen europäischen und nordamerikanischen Staaten sowie in Ländern des Asien-Pazifik-Raums. In den USA, Neuseeland, Belgien und der Schweiz ging es darum, dass zur CO2-Reduktion ergriffene Maßnahmen unangemessen sind; andernorts richteten sich die Klagen gegen Einzelprojekte mit potenziell katastrophalen Folgen für das Klima, in Norwegen etwa, wo die Regierung neue Ölbohrungen in der Arktis erlaubt hat. In Pakistan, wo die steigenden Temperaturen bereits heute die Lebensgrundlagen der Menschen bedrohen, urteilte ein Gericht zugunsten eines Bauern. Er sieht sein Grundrecht auf ein Leben in Würde durch unzureichende Maßnahmen der Regierung in Gefahr.

    Derartige Gerichtsverfahren sind von unschätzbarem Wert – gerade in einer Zeit, in der Regierungen ihre Versprechen zwar in Klimaschutzabkommen wie das 2015 in Paris geschlossene einfließen lassen, sie aber nicht einhalten. Die heute weltweit bestehenden Absichtserklärungen zur Reduzierung der Klimagase werden zu einer Erwärmung von voraussichtlich 3,2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter führen – deutlich über dem vereinbarten Ziel von „weit unter zwei Grad“.

    Neben dem Bemühen, Aufmerksamkeit auf die Verpflichtungen der Regierungen zu lenken und die Bürger vor absehbarem Schaden zu bewahren, haben diese Fälle den beträchtlichen Vorteil, die Tatsachen des Klimawandels in die Öffentlichkeit zu tragen: der Klimawandel ist Realität, seine Ursache ist menschliches Handeln, er wird weltweit dramatische Auswirkungen haben; zudem besteht kein Zweifel: es ist kostengünstiger, jetzt zu handeln statt später.

    Mobilisierung wie nie

    Vielen Politikern fällt es für gewöhnlich leicht, die eigene Untätigkeit schönzureden, zu lavieren und Zusammenhänge zu verschleiern. Anders sieht die Sache aus, wenn sie ihre Positionen und Entscheidungen vor Gericht begründen und belegen müssen. Die politische und soziale Wirkung solcher Fälle ist enorm. Zwar legte die niederländische Regierung Einspruch gegen jenes Urteil zu ihren Ungunsten von 2015 ein, dessen Einfluss auf die öffentliche Debatte wie die parlamentarische Politik konnte sie aber nicht verhindern: von dem Urteil ermutigt, haben Abgeordnete der damaligen Opposition ein neues, ambitionierteres Klimaschutzgesetz entworfen; zudem sprach sich eine Mehrheit im Parlament dafür aus, dass Kohlekraftwerke so schnell wie möglich abgewickelt werden sollen. Das Urteil hat also zu einer noch nie dagewesenen Mobilisierung rund um das Thema Klimawandel geführt.

    Diese Fälle sind wirkungsvolle Vehikel, um dringend erforderlichen politischen Maßnahmen Nachdruck zu verleihen. Weit entfernt davon, ungerechtfertigterweise in den politischen Prozess einzugreifen, urteilen die Gerichte in Übereinstimmung mit geltenden Gesetzen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Solange die Legislative sich unfähig zeigt, die notwendigen Schritte zu ergreifen, üben die Gerichte eine unverzichtbare Kontrollfunktion aus.

    Tessa Khan ist als Menschenrechtsanwältin weltweit zum Thema Klimawandel aktiv und schreibt außerdem für den Guardian

    Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

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